Die Stadt in der Zukunft: Wie wollen wir leben?

Wie sieht Städteplanung in Zeiten der Klimakrise aus – wenn Wohnraummangel und Schutz von Grünflächen und Arten gegeneinander abgewogen oder kombiniert werden müssen?

Das Wichtigste zu „Die Stadt der Zukunft“ in Kürze

  • Bis 2050 werden voraussichtlich zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben, was die Stadtplanung vor die Herausforderung stellt, Lebensqualität und Infrastruktur neu zu denken.
  • Da Beton und Asphalt Sonnenwärme speichern und Wasser nicht versickern lassen, heizen sich Städte stark auf und sind extrem anfällig für klimabedingten Starkregen und Überflutungen.
  • Ansätze wie das sternförmige Stadtmodell mit grünen Zwischenräumen oder die 15-Minuten-Stadt zielen darauf ab, alle Alltagswege emissionsfrei zu Fuß oder per Rad in einer Viertelstunde erreichbar zu machen.
  • Da Platz für Parks rar ist, kühlen bepflanzte Dächer und Fassaden über die Verdunstung von Wasser die Umgebung um mehrere Grad ab und reinigen gleichzeitig die schadstoffbelastete Stadtluft.
  • Moderne Quartiere setzen auf das Prinzip der Schwammstadt, statt die Kanalisation zu überlasten.
  • Um dem Wohnungsmangel ohne zusätzliche Flächenversiegelung zu begegnen, setzt die Planung auf die Umnutzung freier Büroflächen, die Nachverdichtung in die Höhe sowie auf fahrradfreundliche und autofreie Zonen.
Stadt in der Zukunft: Schrift vor Plan eines Gebäudes

Die Weltbevölkerung nimmt kontinuierlich zu. Laut der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung wurde 2022 die Acht-Milliarden-Marke geknackt – erst ab 2080 soll die Kurve der weltweiten Bevölkerung abflachen. Weltweit lebt rund die Hälfte aller Menschen derzeit in städtischen Siedlungen. In den fünfziger Jahren betrug dieser Wert noch etwa 30 Prozent. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass bis 2050 etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Zum einen, weil immer mehr Menschen vom Land in die Stadt übersiedeln. Zum anderen aber auch, weil ländliche Siedlungen oftmals über die Jahre zu Städten anwachsen. Das heißt, die meisten Menschen werden dann Städter sein. Das lässt viele Fragen übrig – auch die Frage, wie Städte künftig aussehen sollen. Bereits jetzt machen sich Folgen der Klimakrise bemerkbar. Wenn die Bevölkerungszahlen weiter steigen, muss die Stadtplanung der Zukunft neu gedacht werden. In unserem Artikel stellen Ihnen zentrale Ideen der Stadt der Zukunft vor – von Herausforderungen bis hin zu möglichen Strategien, das Städteleben lebenswert zu machen!

Die Stadt in der Zukunft: Herausforderungen und Probleme

Die Zukunft findet „Stadt“: Immer mehr Menschen reizt das Stadtleben. Laut der Prognosen sind Städte der Lebensraum der Zukunft – und das bringt neue Herausforderungen mit sich. Hierbei muss man zwischen den Metropolen der Industrienationen und denen der Entwicklungsländer unterscheiden:

Entwicklungsländer

Industrieländer

In Schwellenländern wachsen Städte derzeit im rasanten Tempo zu Millionenmetropolen. Das bringt die Herausforderung mit sich, eine effiziente Infrastruktur und Versorgung aufzubauen.

Die Städte der westlichen Welt hingegen haben andere Schwerpunkte. Hier verläuft der Urbanisierungsprozess langsamer und es gibt daher nicht so einen starken Wachstumsdruck wie in den Entwicklungsländern. Daher können sich westliche Städte vermehrt auf ihre Verbesserung und Erneuerung von innen heraus konzentrieren.

Generell ist es in Städten immer etwas wärmer als in der Umgebung. Auf den trockenen Beton- und Asphaltflächen verdunstet weniger Wasser als auf Freiflächen; hinzu kommt die Abwärme von Fabriken und Haushalten. Die Gebäude und asphaltierten Flächen speichern tagsüber die Sonnenwärme und strahlen sie abends wieder ab. Dies führt dazu, dass die Stadt sich stärker aufheizt als das Umland. Sowohl sommerliche Hitzeperioden als auch Starkregen werden in den nächsten Jahren weiter zunehmen, da sind sich die Klimaforscher:innen einig. Daher sollten bei der Planung von Städten schattige Plätze und Frischluftschneisen ebenso eingeplant werden wie Versickerungsmöglichkeiten für plötzliche Wassermassen.

Was macht die Stadt der Zukunft lebenswert?

Städte heute zeigen bereits: Effizienz und Infrastruktur allein reichen nicht aus, um eine hohe Lebensqualität sicherzustellen. Politische, soziale, rechtliche Stabilität, Gesundheitsstandards, Bildungs- und Kulturmöglichkeiten, Umweltfaktoren – all diese Faktoren spielen mit ein, um ein lebenswertes Leben in der Stadt zu ermöglichen.

Ein gutes Beispiel für eine Stadt, die auf dem Weg in die Zukunft ist und trotz allem hinterher hängt, ist Hongkong. Blickt man auf die Stadtplanung, wird deutlich, wie effizient sie funktioniert: 93 Prozent der Bewohner nutzen das öffentliche Verkehrsnetz und brauchen im Durchschnitt elf Minuten, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Im direkten Umland gibt es Naherholungsgebiete, Luftverschmutzung ist niedriger als in anderen Metropolen. Aber dennoch sorgt die extreme Bevölkerungsdichte auf wenig Wohnraum für hohe Suizidraten. Wie kann man eine Stadt in der Zukunft also wirklich lebenswert gestalten? Diese Frage gilt es in alle möglichen Richtungen zu beantworten – und nicht nur in ihrer Effizienz.

Zukunftsvisionen Stadt: Wie können Städte in der Zukunft nachhaltig wachsen?

Unsere Städte werden auch weiterhin wachsen (müssen), um dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum begegnen zu können. In Verbindung mit dem Klimawandel führt dies zu einem Zielkonflikt. Auf der einen Seite sollen Städte so kompakt wie möglich gebaut werden, damit durch den Verkehr und durch die Errichtung von Gebäuden wenig CO2 verursacht wird. Gleichzeitig soll nicht zu dicht gebaut werden, damit die Städte besser Hitze und Starkregen abfedern können. Wie kann diesen Problemen bei der Stadtplanung der Zukunft also begegnet werden?

Modell des idealen Ballungsraumes

Gedanken darüber, wie unter diesen Umständen eine gelungene Stadtplanung aussehen kann, hat sich das Berliner Klimaforschungsinstitut gemacht. Sie sind der Frage nachgegangen, wie sich die Entwicklung von Ballungsräumen in Zeiten des Klimawandels nachhaltig gestalten lässt. Um diesen Zielkonflikt weitestgehend zu lösen, hat das Institut ein Modell des idealen Ballungsraumes entwickelt. Demnach soll die Siedlungsfläche am besten nicht kreis-, sondern sternförmig angelegt sein. Die Verkehrsachsen sollen auseinanderlaufen und in den Zwischenräumen sollte möglichst viel Grün sein. Dadurch schafft man klimafreundliche Mobilität und durch die kühlenden Grünanlagen ein besseres Stadtklima. Durch diese Verkehrsachsen können Städteplaner dafür sorgen, dass Grünflächen unversiegelt bleiben und dass viele Menschen entlang der Nahverkehrsachsen wohnen.

Stadt in der Zukunft: Mann auf Fahrrad erreicht alles in 15 Minuten © Syda Productions / stock.adobe.com

Die Erfindung der 15-Minuten-Stadt

Ein Konzept, das immer wieder diskutiert wird, ist die sogenannte 15-Minuten-Stadt. Es beschreibt eine Stadt, in der die Bewohner:innen alle täglichen Ziele in weniger als 15 Minuten erreichen können. Für manch gestresste Großstädter:innen ist es eine traumhafte Vorstellung, so rasch all das zu erreichen, was sie zum Leben brauchen und obendrein noch weitgehend Ruhe vor Autos zu heben und sich in Grünflächen erholen zu können.

Dabei sollen sie sich selbst auf möglichst nachhaltige Weise durch die Stadt bewegen – eben zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem öffentlichen Nahverkehr. Das kann gelingen, wenn die Stationen des Alltags gleichmäßig über die gesamte Stadt verteilt sind. So kann jeder, ohne das Auto nutzen zu müssen, in einer Viertelstunde die Kita erreichen, zur Arbeit oder zum Arzt gelangen. Weltweit verfolgen immer mehr Städte dieses Ziel und passen ihre Städte dementsprechend an.

Ein Beispiel für eine Zukunftsstadt in diesem Sinne ist Paris. Die französische Hauptstadt ist eine der dichtesten Städte der Welt. Besonders zu Stoßzeiten erstickt(e) die Stadt im Verkehr. Es waren einfach zu viele Autos auf den Straßen unterwegs. Dem sagte die amtierende Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, den Kampf an und präsentierte ihre Pläne für eine 15-Minuten-Stadt mit weniger Autos. Um das Konzept der 15-Minuten-Stadt zu verwirklichen, müssen Stadt- und Verkehrsplanung so ausgelegt werden, dass Lebensmittelgeschäfte und Ärzte, Erholungsräume und Fitnessstudios, Arbeitsplatz und Schulen in einem Radius von drei bis vier Kilometer mit dem Rad oder einen Kilometer zu Fuß um den jeweiligen Wohnort liegen. Die Stadtstrukturen – die heutzutage meist funktionsgetrennt und autogerecht sind – müssten also in eine nutzungsdurchmischte, kompakte Stadtstruktur umgewandelt werden, in der Wohnen und Arbeiten nahe beisammen sind und in der sich auch alle zentralen Versorgungselemente in der unmittelbaren Umgebung befinden. Jedes Stadtviertel würde demnach wie eine eigene kleine Stadt funktionieren. Das sich dieses Konzept nicht von heute auf morgen umsetzen lässt, liegt dabei auf der Hand.

Stadt in der Zukunft: Lebensqualität durch begrünte Flächen

Gut fürs Stadtklima sind bekanntermaßen auch innerstädtische Parks und Gärten. Diese dienen nicht nur der Erholung und dem Wohlbefinden ihrer Bewohner, sie verbessern auch die Luft und das Mikroklima. Pflanzen nehmen Stickoxide und Kohlendioxid aus ihrer Umgebung auf und geben Sauerstoff ab. Sie wirken wie Lufterfrischer und Filter zugleich. Eine wichtige Funktion in Städten, in denen die Luft mit schädlichen Gasen sowie Ruß und anderen Mikropartikeln belastet ist.

Doch "Grüne Lungen" brauchen Platz, und der ist rar und teuer in den Großstädten dieser Welt. Nun verfolgen Stadtplaner:innen, Architekt:innen und Wissenschaftler:innen einen neuen Ansatz, um die Stadt grüner zu machen. Die Idee: Die Fassaden von Gebäuden zu bepflanzen. Das sieht schön aus, verbessert die Luft und sorgt gerade im Sommer für Erfrischung. Bei hohen Temperaturen verdunsten Pflanzen nämlich viel Wasser. Durch diesen Effekt kühlt sich die Luft ringsherum ab. Während nackte Steinfassaden die Hitze speichern, wirken begrünte Fassaden kühlend. Das gilt natürlich auch für Dächer. Während es unter einem konventionellen Dach rasch sehr warm werden kann, ist es unter einem Gründach bis zu 20 Grad kühler. Letzteres wirkt wärmeisolierend und kühlt somit zuverlässig in Sommermonaten.

Wie funktioniert Dach- und Fassadenbegrünung?

Rund um die „Grüne Wand“ ist es bis zu vier Grad kühler als in der Umgebung. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Pflanzen ausreichend bewässert werden. Doch wie kommt an heißen, trockenen Tagen zu den Pflanzen? In der „Grünen Wand“ wurde das Bewässerungssystem in die Bausteine integriert. Hier sorgen die verbauten Steine selbst für einen ausgewogenen Wasserhaushalt, denn Kalksandstein nimmt schnell Wasser auf und gibt es auch schnell wieder in die Umgebung ab. Ein System aus Schläuchen befeuchtet die steinernen Rinnen, in denen die Pflanzen leben. Das Wasser wird von dem Kalkstandstein aufgenommen und gespeichert. Wenn nun das Substrat in den Rinnen austrocknet, gelangt durch eine Art Sog das Wasser aus den Steinen in das Substrat und schließlich in die Pflanzen. Dadurch kann die Pflanze optimal bewässert werden. Auch Dachbegrünung wird immer beliebter. Erfahren Sie alles darüber in unserem Artikel zur Dachbegrünung als Pflicht!

Stadt in der Zukunft: Dachbegrünung sorgt für Abkühlung © Miss Mafalda / stock.adobe.com

Bäume pflanzen in der Innenstadt

Ein paar Grad weniger in manchen Straßenzügen, frischere Luft und ein neuer Lebensraum für Insekten und Vögel – wird die Stadt grüner, fühlen sich ihre Bewohner wohler. Dazu tragen Pflanzen an Wänden ebenso bei wie Pflanzen am Boden. Doch wie lässt sich das Stadtklima positiv beeinflussen? Nicht neu, aber effektiv ist die Idee, die Innenstädte zu begrünen und mehr Bäume zu pflanzen. Hier reicht allerdings nicht „irgendein“ Baum. Schlanke Bäume liefern nicht genügend Schatten. Besser ist da ein Baum mit Kronendach, wie etwa eine Platane.

Auch bei der Frage, wo genau Bäume gepflanzt werden sollen, gibt es einiges zu bedenken. Wenn Bäume in Frischluftschneisen stehen oder wenn sie zu dicht gepflanzt sind, können sie sogar kontraproduktiv sein, so Monika Steinrücke, Stadtklimatologin an der Ruhr-Universität Bochum. Ein prominentes Beispiel ist der Central Park in New York, der gemeinhin als „grüne Lunge“ der Stadt gilt. Doch das täuscht, denn seine wohltuende Wirkung endet bereits hinter dem zweiten Straßenzug. Der Grund: Die Hochhäuser und die dichte Bebauung am Park blockieren den Luftaustausch.

Die Schwammstadt – Wassermanagement in der Stadt der Zukunft

Laut Umweltbundesamt sind derzeit etwa 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche Deutschlands versiegelt. Das heißt, „dass der Boden luft- und wasserdicht abgedeckt wird“ – Tendenz steigend. Besonders problematisch ist es, wenn ganze Straßenzüge komplett oder zum großen Teil versiegelt sind. Es entsteht durch dichte Bebauung und zubetonierte Innenstädte nicht nur mehr Hitze in den Städten, darüber hinaus kommen die Kanalsysteme an ihr Limit. Auch für den Grundwasserspiegel ist die Versiegelung nachteilig: Wenn das Regenwasser schlechter abläuft, kann es das Grundwasser schlechter auffüllen.

Wieso ist ein neues Wassermanagement so notwendig?

Starkregen tritt immer häufiger auf, so der Deutsche Wetterdienst. Im Juli 2021 führten im Westen Deutschlands starke Regenfälle dazu, dass einzelne Orte wie Schuld oder Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland-Pfalz überschwemmt und vom Hochwasser zerstört wurden. Auffallend oft sind jedoch nur einzelne Stadtviertel betroffen. Die Auswirkungen sind teils gravierend:

  • Entwurzelte Bäume,
  • überflutete Keller und Unterführungen,
  • Unfälle durch hochgedrückte Gullideckel, Aquaplaning und abgedeckte Hausdächer.

Siedlungen in Hang- und Tallagen sind davon noch stärker betroffen. Insgesamt kommt es durch Starkregen immer wieder zu großen Schäden an Gebäuden und Infrastruktur – eine Herausforderung auch für Versicherungen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ließ untersuchen, wie stark deutsche Städte versiegelt sind. Spitzenreiter ist München. In der bayerischen Landeshauptstadt ist fast die Hälfte der Fläche bebaut, betoniert oder asphaltiert. Dies wird angesichts der immer häufiger werdenden Starkregenereignisse zum Problem.

„Je mehr Flächen bebaut sind, desto weniger Wasser kann im Boden versickern und desto mehr fließt oberflächlich ab“, sagt VdS-Studienleiter Artur Kubik. Die Kanalnetze sind den extremen Niederschlägen nicht gewachsen, sie lassen sich auch nicht ohne weiteres dafür herrichten. Aus diesem Grund kommt es nach Starkregen oft zu Überflutungen und Stauwasser, die teilweise hohe Schäden verursachen. „Dieses Risiko besteht in allen dicht bebauten Gebieten, auch in den entsprechenden Flächen der weniger stark versiegelten Städte“, betont Kubik. Deshalb sollten Stadtplaner:innen die Gefahr von Starkregen in ihrer Stadtplanung mitberücksichtigen. Gut sind begrünte Dächer oder Rückhaltebecken, um die Wassermassen zwischenzuspeichern.

Wie sieht Wassermanagement der Stadt in der Zukunft aus?

Auch Prof. Norbert Gebbeken von der Fakultät für Bauingenieurwesen und Umweltwissenschaften an der Universität der Bundeswehr München spricht sich für „kluges Bauen“ aus. Bei Bestandsinfrastrukturen müsse man anpassen, bei Schutzbauten hingegen widerstehen. Stadtplaner:innen stehen vor wichtigen Zukunftsaufgaben, so Gebbeken. Die Städte sollten Flächen entsiegeln oder zumindest perforieren.

Die Kanalisationsinfrastruktur sollten sie in Schmutzwasser und Brauchwasser trennen, aus einem einfachen Grund: Werden beide Abwasserarten über eine gemeinsame Leitung abgeleitet, kann es bei starken Regenfällen zu einem Rückstau in Kellern und auf Straßen kommen. Außerdem empfiehlt es sich, die Straßenquerschnitte so anzulegen, dass sie Regenwasser sammeln und abführen und es möglichst in Teichen oder Zisternen speichern. Auch begrünte Dächer sowie Fassaden sind hilfreich; hier bieten sich Häuser, Industrieanlagen oder Parkhäuser an.

Genau dies beherzigen derzeit Leipzigs Stadtplaner in Zusammenarbeit mit Forschern des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Auf dem Gelände eines ehemaligen Verladebahnhofs im Leipziger Stadtzentrum entsteht in den nächsten Jahren ein Stadtquartier für 3700 Menschen, ausgestattet mit einer "blau-grünen" Infrastruktur. Damit ist eine neue Form des Wassermanagements gemeint, die dezentral und naturnah gestaltet ist. Die Idee: Das gesamte Regenwasser bleibt im Quartier und wird dort für trockene Zeiten gespeichert. Auf diese Weise lassen sich Starkregenereignisse und Dürren gleichermaßen abmildern. Hierbei spielen Pflanzen eine große Rolle. In dem Stadtquartier soll es keine Gullies geben. Stattdessen wird das Wasser von den Straßen direkt von Baumrigolen aufgenommen. Unter den Bäumen befindet sich ein Untergrund aus Schotter, Kies und Bodensubstrat, in dem Niederschlagswasser gut versickern kann. Noch weiter unterhalb – unter den Wurzelballen der Bäume- sorgt eine Wanne aus Lehm dafür, dass dieses Wasser für Trockenzeiten zur Verfügung steht.

Stadt in der Zukunft: Klimaschutz und Wohnraum vereinen

Doch die Städte der Zukunft müssen nicht nur Lösungen für die Folgen des Klimawandels entwickeln, sondern auch für den Wohnraummangel. Besonders in Ballungsgebieten sind erschwingliche Wohnungen knapp. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zum einen zieht es immer mehr Menschen in die Städte. Gleichzeitig steigt die Zahl der Single-Haushalte an, weshalb mehr mittlere und kleinere Wohnungen benötigt werden.

Viele bestehende Wohnungen sind aber mehr für die klassische Familie mit zwei Kindern ausgerichtet. Mit diesen Entwicklungen konnte der Neu- und Umbau von Wohnung nicht Schritt halten. Dies stellt Stadtplaner vor ein Dilemma: Einerseits müssen zusätzliche Wohnungen gebaut werden. Andererseits sind Städte teils stark versiegelt und bräuchten mehr unversiegelte Fläche – als Naherholungsgebiet für die Menschen und um die negativen Folgen des Klimawandels abzufedern.

Die Stadt in der Zukunft vereint Mensch und Natur

Deshalb gilt es in der heutigen Stadtplanung, die Interessen von Mensch und Natur miteinander in Einklang zu bringen. Der BUND tendiert in diesem Zielkonflikt in Richtung Flächenschutz – auch im Hinblick auf das Aussterben vieler Tierarten. "Eine Ursache für Artensterben ist die Inanspruchnahme des Naturraums, da müssen wir gegenwirken", erklärt Jochen Kramer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Allein in Hessen werden täglich 2,5 Hektar Bodenfläche versiegelt.

Mit dem Argument der Flächenschonung konnte zuletzt laut Angaben des BUND der Baustopp gegen ein Supermarkt-Logistikzentrum erwirkt werden und auch der Antrag auf Baustopp gegen eine Amazon-Logistikhalle wurde genehmigt. Einen anderen wichtigen Aspekt vertritt beispielsweise die Frankfurter IHK. „Wir brauchen dringend neue Bauflächen, sowohl Gewerbeflächen als auch Wohnraum für die dringend benötigten Fachkräfte", so IHK-Präsident Ulrich Caspar. Der größte Teil der grünen Flächen werde landwirtschaftlich genutzt. "Doch wir haben in der Region keinen Mangel an Lebensmittelproduktion, aber einen Mangel an Wohnungen und Gewerbeflächen". Der BUND ruft aber auch zum Schutz landwirtschaftlich genutzter Flächen auf und weist auf eine andere Möglichkeit hin, Wohnraum zu schaffen. So würde auch nach der Corona-Krise der Anteil an Menschen, die im Homeoffice arbeiten, hoch bleiben. „Der Büromarkt scheint zusammenzubrechen, diese freigewordenen Räume können in Wohnungen umgewandelt werden", sagt Kramer. Generell fordert er zur Umwandlung und Aufstockung im bestehenden Siedlungsraum auf: "In den Städten kann noch sehr viel verdichtet werden."

Probleme mit dem Städtewachstum und Klimawandel

Der Stadtplaner Torsten Becker erklärt allerdings, dass die Verdichtung klimabedingt auch nicht uneingeschränkt zu empfehlen sei. Zum einen müssen die kommenden heißen Sommer in der Stadt ertragbar bleiben. "Da gilt es, so wenig wie möglich zu versiegeln, Grünflächen zu schaffen und mehr in die Höhe als in die Breite zu bauen." Und zum anderen wird mit mehr Starkregen gerechnet. "Auch hier sind versiegelte Flächen ein Nachteil, weil das Wasser versickern muss." Becker plant als Vorsitzender des Frankfurter Stadtbaurats auch die Günthersburgerhöfe im Frankfurter Norden. Für die Siedlung sollen unter anderem Kleingärten weichen, was starke Kritik – besonders der Grünen – geerntet hat. Doch Becker erklärt: "Wenn man die gesamte Region betrachtet, ist das schon der Standort, der sich am meisten für einen neuen Stadtteil eignet." So wäre er mit seiner Lage direkt an der A5 ideal an den Nahverkehr angeschlossen und auch die Reduzierung des Autoverkehrs ist eine wichtige Stellschraube in Sachen Klimaschutz. Zudem entstünde die Siedlung auf landwirtschaftlich genutzten Flächen, die weniger wertvoll seien. Es werde bei den Günthersburghöfen darauf geachtet, wenig Tiefgaragen zu bauen, weil über diesen kaum wertvolle Grünflächen entstünden und das Wasser schlecht versickern könne. Auch solle der größte Teil der Wohnungen auf bereits versiegelten Flächen entstehen. Nicht zu vergessen sei zudem der soziale Aspekt, denn laut der Planungen sind rund 500 geförderte Wohnungen vorgesehen.

Da gilt es, so wenig wie möglich zu versiegeln, Grünflächen zu schaffen und mehr in die Höhe als in die Breite zu bauen.
Vorsitzender des Frankfurter Stadtbaurats Torsten Becker
Stadt in der Zukunft: Baukran erweitert Stadt © Zhu Difeng / stock.adobe.com

Fazit: Stadt in der Zukunft lebenswert gestalten

Letztlich müssen sich Städte und Kommunen in den nächsten Jahren ernsthaft mit der Stadtentwicklung Deutschland auseinandersetzen: darunter die Themen Klimaschutz, bezahlbarer Wohnraum und auch Lebensqualität in Städten. Es gibt bereits viele gute einzelne Ideen, aber ein überzeugendes Gesamtkonzept fehlt bisher. Die Stadt in der Zukunft wird sich damit entweder in eine positive oder eher pessimistische Richtung entwickeln: Werden Städte der Zukunft sich für diejenigen entfalten, die es sich leisten können – oder werden sie eine sauberer, grüner und lebenswerter Raum für alle?

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ibau Autorin Iris Jansen
Iris Jansen

Iris Jansen war von Juni 2021 bis Mai 2024 als Content-Managerin bei der ibau GmbH in Münster tätig. Sie versorgte die Leser:innen gemeinsam mit ihren Kolleginnen die Rubrik „Wissenswertes“ mit neuen Inhalten: Was tut sich im Handwerk? Wie reagiert die Bauwirtschaft auf die aktuellen Herausforderungen? Themen rund um Holz und Beton mochte sie gern und freute sich über gleichgesinnte Leser:innen, die mit ihr die Baustellen streifen wollten. Als ausgebildete Technische Redakteurin interessierte sie sich für die technischen und handwerklichen Details, behielt dabei das große Ganze im Blick. Laut Iris gab es im Baubereich viele spannende Fragen, die beantwortet werden wollen – nicht zuletzt, um allen Bauinteressierten dabei zu helfen, den Überblick zu behalten.