Wo kommt in Zukunft der Gips her?

Durch die Energiewende verringert sich die Menge an Gips, die der Baustoffindustrie zur Verfügung steht. Mögliche Alternativen sind Recycling, synthetische Produktion oder der Abbau von Naturgips.

wo kommt in Zukunft der Gips her © Sebastiano Fancellu

Zurzeit stellt die Rohstoffknappheit die Baubranche vor große Herausforderungen. Es wird viel über die Knappheit von industriellen Vorprodukten wie Holz, Stahl oder Plastik gesprochen. Das in Zukunft auch Gips zur Mangelware werde könnte, ist weniger bekannt. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Gipsindustrie e.V, Dipl.-Ing. Holger Ortleb, spricht von einer Versorgungskrise und einem Rohstoff-Dilemma.

Die Hälfte der 10 Millionen Tonnen Gips, die jährlich in der Bundesrepublik verbaut werden, ist sogenannter REA-Gips, der durch Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken entsteht. REA-Gips ist chemisch identisch mit dem in der Natur vorkommenden Gips. Aufgrund der Energiewende sollen die Kohlekraftwerke in den nächsten Jahren nach und nach heruntergefahren werden. Damit fällt die wichtigste Quelle für diesen Rohstoff weg. Im Kohleausstiegsgesetz legte die Bundesregierung den schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung bis 2038 fest. Es wird also kontinuierlich weniger REA-Gips anfallen, bis in spätestens 18 Jahren gar keiner mehr vorhanden sein wird. Der Kohleausstieg dürfte für die Baustoffindustrie bald zu einem Problem werden.
Die Nachfrage nach Gips ist hoch, und da der Bauboom anhält, wird sie in den nächsten Jahren vermutlich weiter ansteigen. Hinzu kommt, dass Gips als Baustoff im modernen Hochbau wegen seiner vielfältigen Vorteile gerne eingesetzt wird. So ist Gips beispielsweise nicht brennbar, reguliert die Luftfeuchtigkeit in Räumen und trocknet in kurzer Zeit. Kein Wunder, dass er gerne im Bausektor eingesetzt wird – sei es in Putz und Estrich oder in Form von Gipskartonplatten und Gipsbauteilen. Daher sind Lieferengpässe in näherer Zukunft wahrscheinlich. Der Bedarf nach Gips muss deshalb aus anderen Quellen gedeckt werden.


Eine Möglichkeit ist Recycling, denn Recyceln lässt sich Gips hervorragend. Man kann ihn fast sortenrein zurückgewinnen und anschließend beliebig oft recyceln. Der Anfall von Gips im Bauschutt ist stattlich, er wird auf drei bis vier Millionen Tonnen geschätzt. Laut Experten ist etwa die Hälfte der Gipsabfälle grundsätzlich recycelbar, besonders die beim Hausabriss oder -umbau entsorgten Gipskartonplatten.Allerdings ist Gips meist mit anderen Baustoffen vermischt. Eine sortenreine Sortierung ist aufwändig, und auch die hohe Kosten für Sammel- und Transportsysteme machen das Recyceln von Gips unattraktiv.


Daher werden Gipsabfälle nur zu einem geringen Teil recycelt. Das reicht nicht, um den fehlenden REA-Gips zu ersetzen. Deshalb setzt die Industrie vermehrt auf technisch erzeugten Gips. In manchen technischen Prozessen fällt dieser nämlich als Nebenprodukt an und kann genutzt werden. Technisch erzeugte Gipse entstehen, wenn Zwischen- und Endprodukte aus Produktionsprozessen miteinander reagieren. Je nach Prozess können so sehr spezielle und teils hochreine Gipse gewonnen werden. Der synthetische Anhydrit beispielsweise wird aufgrund seiner Reinheit bereits heute fast vollständig verwendet. Er fällt bei der Herstellung von Flusssäure an. Ein weiterer technisch erzeugter Gips ist der Phospor-Gips, der bei der Herstellung von Phosphorsäure anfällt. Leider kann dieser nicht uneingeschränkt verwendet werden, da er radioaktive und giftige Bestandteile enthält und erst aufwändig gereinigt werden muss.


Allein durch Recycling und technische Gipse lässt sich die Lücke, die durch den Rückgang der REA-Gipsproduktion erzeugt wird, derzeit nicht schließen. Eine weitere Alternative ist Naturgips, da er in Deutschland in ausreichender Menge vorhanden und gut erschließbar ist. Darüber hinaus befindet er sich häufig nah an der Erdoberfläche und lässt sich daher recht unkompliziert abbauen. Wenn ortsnahe, regionale Naturgipsvorkommen verwendet werden, fallen auch umweltbelastende Transportwege weg. Zudem bringt Gips – ähnlich wie Metalle oder Glas – eine einzigartige stoffliche Zusammensetzung mit, aufgrund derer er sich unendlich oft recyceln lässt. Aus Sicht von Holger Ortleb, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Gipsindustrie e.V, sind Gipsgewinnung und Naturschutz miteinander vereinbar: „Denn es handelt sich bei der Gipsgewinnung immer um zeitlich begrenzte, genauestens dokumentierte und kontrollierte Eingriffe in eine Landschaft. Sowohl während als auch nach Ende der Gewinnung sind ehemalige Abbauflächen meist wertvollste Biotope für gefährdete Tier- und Pflanzenarten.“

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Iris Jansen

Iris Jansen verstärkt seit Juli 2021 als Content-Managerin unser Redaktionsteam. Als Chefredakteurin unserer Printmagazine informiert sie unsere Kunden über neue Entwicklungen innerhalb der Bauwirtschaft. Darüber hinaus schreibt sie Ratgeber- und Glossarartikel für unsere Onlinemagazine sowie aktuelle Texte für den News-Bereich. Für unsere vielfältigen Themenbereiche recherchiert sie täglich und hat stets im Blick, was sich im Bauwesen gerade tut. Einer ihrer Schwerpunkte ist es, komplexe Sachverhalte aus dem Ausschreibungs- und Vergabebereich strukturiert und verständlich aufzubereiten.