Gefahrstoffe in der Baubranche

Gefahrstoffe bergen Risiken für Mensch und Umwelt. Deswegen ist es wichtig, dass verantwortungsvoll mit ihnen umgegangen wird. Kommt es trotz fachgerechter Anwendung zu einem Unfall muss das Unternehmen für die Folgen haften. Insbesondere bei kleinen und mittleren Betrieben kann das existenzgefährdend sein. Erfahren Sie, wie Sie richtig mit Gefahrstoffen umgehen und wie sie sich vor finanziellen Schäden absichern.

Der richtige Umgang mit Gefahrstoffen © Studio Gi / stock.adobe.com

Was sind Gefahrstoffe?

Gefahrstoffe haben ein chemisches Gefährdungspotential für Menschen und Umwelt. Sie können akute oder chronische gesundheitliche Schäden verursachen. Dabei sind sehr viel mehr Stoffe als Gefahrstoffe klassifiziert, als man auf den ersten Blick denkt. Maler und Lackierer arbeiten etwa täglich mit den Gefahrstoffen Farbe und Lack, Garten- und Landschaftsbauer mit Dünger und auch die meisten anderen Handwerker kommen regelmäßig mit giftigen Baustoffe wie Isolierplatten, Bauschaum, Schmierstoffen, Lösemitteln, Zement, Schalölen, Bitumen und andere Isolieranstrichen in Berührung. Außerdem zählen zu den Gefahrstoffen nicht nur Chemikalien, sondern auch Holzstaub, Ottokraftstoff, Dieselmotoremissionen, Schweißrauche, Ozon, Narkosegase und viel mehr. Grundsätzlich sind Gefahrstoffe am Gefahrensymbol erkennbar, wie durch die Auflistung der in der Bauwirtschaft vorkommenden Gefahrstoffe jedoch deutlich wurde, ist das nicht immer der Fall. Bei nicht gekennzeichneten Produkten können Informationen über Gefährdungen und Schutzmaßnahmen allerdings immer dem Sicherheitsdatenblatt entnommen werden. Dieses muss dem Produkt nicht zwangsläufig beiliegen, allerdings ist der Händler dazu verpflichtet, es auf Nachfrage auszugeben.

Welche Vorschriften gelten für den Umgang mit Gefahrstoffen?

Der richtige Umgang mit Gefahrstoffen ist in verschiedene Gesetze und Verordnungen geregelt. Besonders wichtig sind allerdings die Betriebssicherheitsverordnung und die Gefahrstoffverordnung. Beide betreffen den Arbeitsschutz. Die Betriebssicherheitsverordnung gibt an, welche Arbeitsmittel bereitgestellt und wie sie genutzt werden, sowie welche Schutzmaßnahmen notwendig sind. In der Gefahrstoffverordnung geht es um die Vorschriften, die bei der Arbeit mit Gefahrstoffen gelten. So muss beispielsweise ein Gefahrstoffkataster geführt werden, also ein Verzeichnis über alle vorkommenden Gefahrstoffe. Der Arbeitgeber ist nach der Gefahrstoffverordnung dafür zuständig, seine Arbeitnehmer über die Risiken bei der Arbeit mit Gefahrstoffen zu informieren und ihnen eine schriftliche Betriebsanweisung zukommen zu lassen. Einen detaillierteren Einblick in die Gefahrstoffverordnung finden Sie hier.

Gefahrstoffmanagement: zwei Sicherheitsbeauftrage prüfen den Umgang mit Gefahrstoffen © Gorodenkoff / stock.adobe.com

Das richtige Gefahrstoffmanagement

Im Umgang mit Gefahrstoffen muss immer recherchiert und kontrolliert werden, dass die Stoffe fachgerecht genutzt werden. Ziel ist es, die Gefährdung der Beschäftigten durch Gefahrstoffe auf ein Minimum zu reduzieren. Das erste, was es zu prüfen gilt, ist somit, ob ein Gefahrstoff wirklich notwendig ist oder durch eine andere, unbedenkliche Substanz ersetzt werden kann. Ist dies nicht möglich, müssen die Gefahrstoffe angemessen gemanagt werden. Dazu gehören Schutzmaßnahmen für die Belegschaft, etwa durch das Bereitstellen einer persönlichen Schutzausrüstung, durch eine Unterweisung der Mitarbeiter und indem die Zuständigkeiten für den Umgang mit den Gefahrstoffen im Betrieb geklärt werden. Gegebenenfalls ist auch die Installation von Lüftungssystemen notwendig.

Aus der Gesetzeslage lassen sich fünf zentrale Elemente eines guten Gefahrstoffmanagements ableiten:

  1. Gefährdungsbeurteilung
  2. Überprüfung, wie wirksam eingeführte Schutzmaßnahmen sind
  3. Ableitung von Schutzmaßnahmen aus der Analyse
  4. Dokumentation von umgesetzten Maßnahmen zum Schutz vor Gefahrstoffen
  5. Gefahrstoffunterweisung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Damit sich Unternehmen leichter an Gesetze und Vorschriften beim Umgang mit Gefahrstoffen am Arbeitsplatz halten können, sollten sie sich an den Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) orientieren. Sie konkretisieren die Gefahrstoffverordnung und sind eine Handlungshilfe für den Arbeitgeber und die Mitarbeiter in einem Betrieb. Dabei geben sie den aktuellen Stand der Technik, der Arbeitsmedizin und der Arbeitshygiene wieder. Auch die neuesten Erkenntnisse über Tätigkeiten mit Gefahrstoffen, einschließlich deren Einstufung und Kennzeichnung wird gezeigt.

Chemische Risiken bewerten

Als erstes gilt es zu bewerten, wie hoch das Risiko durch den verwendeten Gefahrstoff überhaupt ist. Daraus lässt sich ableiten, welche Maßnahmen zum Arbeitsschutz notwendig sind. Dazu wird eine Gefährdungsbeurteilung erstellt. Dies ist in allen Bereichen des Arbeitsschutzes notwendig und muss je nach Art der Tätigkeit vorgenommen werden. Stefan Boltz, Sprecher der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) erklärt, dass bei der Beurteilung chemischer Gefährdung am Arbeitsplatz zwei Fragen zu berücksichtigen sind: "Welche Eigenschaften hat ein Stoff, ist er beispielsweise ätzend oder giftig? Und wie hoch ist die Belastung für den Arbeitnehmer in der jeweiligen Arbeitssituation?"

Wenn man über ein gewissen Knowhow und Erfahrung verfügt, kann man das nötige Dokument ohne Hilfe erstellen. Im Internet finden sich verschiedene Vorlagen, die oft speziell auf verschiedene Branchen angepasst sind und die ohne Probleme mit Hilfe einer Suchmaschine zu finden sind. In kleinen und mittleren Unternehmen fehlt jedoch oft das nötige Wissen und die Routine. Abhilfe verspricht das Online-Angebot der DGUV: Der GESTIS-Stoffmanager leitet Nutzer Schritt für Schritt durch die Gefährdungsbeurteilung. Am Ende ergibt sich eine Gefährdungskategorie, die eindeutig erkennen lässt, ob eine Verbesserung der Arbeitssituation notwendig ist. Kommt es allerdings zu Unsicherheiten ist es unerlässlich, sich Unterstützung durch einen externen Experten zu holen. Betriebe können sich an die für sie zuständige Berufsgenossenschaft wenden, um einen externen Gutachter zu organisieren. Auch an gesetzliche Unfallversicherungen kann sich gewandt werden.
Wenn sich herausstellt, dass von einem Gefahrstoff mehr als nur eine geringe Gefährdung ausgeht, muss eine Betriebsanweisung für alle Beschäftigten des Unternehmens erstellt werden. Darin wird über die Tätigkeiten mit den entsprechenden Gefahrstoffen aufgeklärt.

Gefahrstoffverzeichnis

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Gefahrstoffmanagements ist ein Gefahrstoffverzeichnis. In ihm müssen folgenden Angaben aufgenommen werden:

  • Bezeichnung des Gefahrstoffs (hier wird der Produkt- oder Handelsname genommen, der im Sicherheitsdatenblatt steht)
  • Einstufung des Gefahrstoffs – alternativ können Angaben zu den Eigenschaften gemacht werden.
  • Angaben darüber, wie hoch die Menge der Gefahrstoffe oder Gemische im Betrieb ist.
  • Angaben darüber, in welchen Arbeitsbereichen des Unternehmens der Gefahrstoff zu Einsatz kommt

Das Gefahrstoffverzeichnis dient den Betrieben als Entscheidungsgrundlage, um zu entscheiden, ob für die gleichen Tätigkeiten verschiedene Gefahrstoffe verwendet werden oder ob sie durch einen ungefährlichen Stoff ersetzt werden können.
Ein sorgfältig geführtes Gefahrstoffverzeichnis bringt Betrieben drei entscheidende Vorteile:

  • Der Aufwand im Arbeitsschutz wird deutlich verringert.
  • Die Lagerhaltung von Gefahrstoffen wird vereinfacht.
  • Unternehmen sparen Geld durch Rabatte bei der Abnahme von größeren Mengen

Um von diesen Vorteilen profitieren zu können, muss das Gefahrstoffverzeichnis jederzeit auf dem aktuellen Stand sein. Es kann schriftlich oder elektronisch geführt werden. Wobei sich ein elektronisches Verzeichnis im Sinne der Digitalisierung und einfachen Überarbeitung empfiehlt.

Wo können Informationen zu einzelnen Gefahrstoffen eingeholt werden?

Das Sicherheitsdatenblatt:

Einem Sicherheitsdatenblatt können Informationen über die Gefahr eines Stoffes oder Gemisches sowie über die sichere Lagerung, Handhabung und Entsorgung entnommen werden. Das Sicherheitsdatenblatt ist dabei in 16 Abschnitte gegliedert:

  1. Bezeichnung des Stoffes beziehungsweise des Gemischs und des Unternehmens: In diesem Abschnitt finden sich auch Informationen dazu, wofür dieses Produkt gedacht ist, zum Lieferanten, der das Sicherheitsdatenblatt bereitstellt und eine Notrufnummer, falls es zu einem Unfall kommt.
  2. Mögliche Gefahren
  3. Zusammensetzung/Angaben zu Bestandteilen
  4. Erste-Hilfe-Maßnahmen: Wie ist im Falle eines Unfalls Erste Hilfe zu leisten? Welche Symptome zeigen sich, wenn man die negativen Auswirkungen des Gefahrstoffes spürt und zeigen sich überhaupt direkt Folgen, wenn man etwa mit einem Sotff in Berührung kommt, den man nicht berühren sollte? Wo kann ärztliche Soforthilfe oder eine Spezialbehandlung geleistet werden?
  5. Maßnahmen zur Brandbekämpfung: Nicht alle Stoffe können mit Wasser gelöscht werden. Versucht man etwa einen Fettbrand mit Wasser zu löschen, kommt es zu einer Explosion. In diesem Abschnitt finden sich Informationen dazu, womit gelöscht werden kann oder wie sonst gegen den Brand vorgegangen werden kann oder soll.
  6. Maßnahmen bei unbeabsichtigter Freisetzung: Wie können Personen und die Umwelt geschützt werden? Wie kann der Stoff zurückgehalten und die Verunreinigung beseitigt werden?
  7. Handhabung und Lagerung
  8. Begrenzung und Überwachung der Exposition/Persönliche Schutzausrüstung
  9. Physikalische und chemische Eigenschaften
  10. Stabilität und Reaktivität: Mit welchen anderen Stoffen darf das Produkt nicht in Berührung kommen? Was passiert, wenn sich der Stoff zersetzt und wann zersetzt er sich?
  11. Toxologische Angaben
  12. Umweltbezogene Angaben
  13. Hinweise zur Entsorgung
  14. Angaben zum Transport
  15. Rechtsvorschriften
  16. Sonstige Angaben
Gefahrstoffbeauftragter legt eine Gefahrstoffdatenbank an © Industrieblick/ stock.adobe.com

Gefahrstoffdatenbank

Auch in der Gefahrstoffdatenbank finden sich Informationen zum richtigen Umgang mit Gefahrstoffen und über deren Auswirkungen. Sie ermöglicht es Unternehmen angemessene Schutzmaßnahmen einzuleiten und zu beurteilen, was im Falle eines Unfalls passieren sollte. Auch wichtige physikalisch-chemische Daten und spezielle Regelungen zu den einzelnen Stoffen sind vermerkt. Mittlerweile enthält die GESTIS-Stoffdatenbank Informationen zu 8.800 Stoffen.

Lagerung von Gefahrstoffen 

Eine sachgemäße Lagerung ist unverzichtbar. Sie muss unter anderem sicherstellen, dass Unbefugte keinen Zugriff auf die Substanzen haben. Hinsichtlich der Lagerung müssen neben der Gefahrstoffverordnung auch die sogenannten Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) beachtet werden. Durch angemessene Behälter und Schränke müssen die Gesundheit der Belegschaft sowie die Umwelt geschützt werden. Zudem ist eine entsprechende Kennzeichnung notwendig. Betriebe, die nur mit kleinen Mengen an Gefahrstoffen lagern, dürfen diese unter Einhaltung der notwendigen Sicherheitsvorschriften auch in Arbeitsräumen aufbewahren.

Entsorgung von Gefahrstoffen

Damit keine Gefährdung von Gefahrstoff-Abfällen ausgeht, müssen sie Abfälle sachgemäß gesammelt werden. Die Behältnisse müssen komplett geschlossen sein, damit keine potentiell gefährlichen Gase austreten können.

Absicherung bei Unfällen 

Auch wenn man sich an alle Schutzmaßnahmen hält, kann es zu Unfällen kommen. Auch wenn das Unternehmen keine Verantwortung dafür trägt, muss der Eigentümer für alle Folgeschäden die Haftung übernehmen. Deswegen ist es essenziell sich mit dem richtigen Versicherungsschutz gegen die finanziellen Folgen abzusichern. In den meisten Fällen ist in der Betriebshaftversicherung eine sogenannte Umwelthaftpflichtversicherung für privatrechtliche Schadensersatzansprüche enthalten. Bei manchen Versicherern ist jedoch eine Zusatzversicherung notwendig. Grundsätzlich gilt: Immer auf das Kleingedruckte achten!

Weitere Informationsquellen

Als Teil des Arbeitsschutzes ist der richtige Umgang mit Gefahrstoffen sehr wichtig. Die Berufsgenossenschaft Bau bietet weitreichende Informationen zum Umgang mit Gefahrstoffen für die einzelnen Gewerke. Weitere Informationen zum Arbeitsschutz in der Baubranche und einen einführenden Überblick über die wichtigsten Maßnahmen und Regelungen finden Sie in unserem Ratgeber zum Arbeitsschutz im Tiefbau.

Hannah Simons

Hannah Simons ist seit 2020 für die ibau GmbH tätig. Als Redakteurin recherchiert und verfasst sie Artikel für den News-Bereich und das Glossar. Dabei verfolgt sie das Ziel komplexe Inhalte einfach und gut verständlich aufzubereiten.