Wohnungsbau: Die Wohnung, die sich an ihre Bewohner anpasst

Die Gesellschaft ist vielfältig und wandelt sich stetig – wie auch ihre Wohnbedürfnisse. Immer mehr Wohnungen werden den Bedürfnissen ihrer Bewohner nicht mehr gerecht. 

 

Wohnungsbau-anpassen © LaCozza

In Bezug auf das Thema Wohnen hat uns der Lockdown im vergangen Jahr eines gezeigt: Rückzugsmöglichkeiten für jeden (Wohnungs)-Bewohner sind Gold wert – gerade bei Familien, in denen die Eltern im Homeoffice arbeiten und die Kinder ihr Lernpensum im Homeschooling bewältigen sollen. Leider vertragen sich die Grundrisse vieler Wohnung nicht mit der modernen Arbeitswelt - ein Arbeitszimmer wurde gar nicht erst eingeplant. Hinzu kommt der demographische Wandel: In deutschen Großstädten zählen inzwischen mehr als die Hälfte der Haushalte nur eine Person, doch die Hälfte aller Wohnungen sind keine Ein-Zimmer-Wohnungen. Auch beim Neubau wird nach wie vor meist für die Standardfamilie geplant, obwohl sie immer seltener vorkommt. Laut statistischem Bundesamt besteht der größte Teil der Wohnungen (25 Prozent) aus vier Räumen; der Anteil der Wohnungen mit drei Räumen liegt mit 22 % knapp darunter. Die zunehmende Zahl der Singles, Älteren und Patchwork-Familien wird zu wenig berücksichtigt und muss sich daher in die auf dem Markt vorherrschenden Wohnungstypen einfügen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste schnell günstiger Wohnraum entstehen, und zwar in erster Linie Familienwohnungen für die klassische Familie mit Eltern und zwei Kindern. Die Nutzung und die Größe der Zimmer waren immer ähnlich festgelegt: Das Wohnzimmer eignete sich nicht als Kinderzimmer, das Kinderzimmer nicht als Wohnzimmer. In Hamburg beispielsweise entstanden die Hälfte der Wohnungen aus der Nachkriegszeit bis 1959. "Diese Wohnungen für heutige Bedarfe umzubauen, können Sie vergessen", sagt Dietmar Walberg von der Arbeitsgemeinschaft für zeitgenössisches Bauen Arge. Es sei mit zu hohen Kosten verbunden, deren Grundrisse zu verändern und Wände zu versetzen. Gerade wer in einem deutschen Ballungsraum eine Wohnung sucht, kann froh sein, wenn er überhaupt etwas findet. Die Frage, ob die Wohnung zum eigenen Lebensstil passt, wird da gar nicht erst gestellt, sondern kommt wie Luxus daher.
Der Bundesverband der deutschen Wohnungswirtschaft (GdW) analysiert in regelmäßigen Abständen, wie sich der gesellschaftliche Wandel auf die Wohnbedürfnisse auswirkt. Die Ergebnisse zeigen vor allem eines ganz deutlich: Standardkonzepte sind immer weniger gefragt, denn die Ansprüche werden in dem Maße differenzierter, wie auch die Gesellschaft pluralistischer wird. Christian Lieberknecht, Geschäftsführer des GdW, glaubt, dass künftig differenzierte Wohnkonzepte gefragt sind, um den zunehmend vielschichtigeren Lebensmodellen gerecht zu werden. „Flexible Wohnformen werden immer relevanter werden. Auch werden die Nachfrage nach gemeinschaftlichem Wohnen und der Wunsch nach Mitgestaltung durch die Mieter steigen“, sagt er. Neu gebaut wird derzeit viel – im Juli diesen Jahres wurde beispielsweise der Bau von mehr als 31.000 Wohnungen genehmigt, so das Statistische Bundesamt. Doch wie lassen sich Wohnungen so planen, dass es für unsere pluralistische Gesellschaft passt und auch finanzbar ist?
"Für uns Architektinnen und Architekten geht es in dieser Frage hauptsächlich darum, wenig Platz klüger einzuteilen", sagt die renommierte Wiener Architektin Anna Popelka vom Büro PPAG. Damit seien nicht zwangsläufig höhere Kosten verbunden, sondern vor allem "Hirnarbeit und Empathie aller Beteiligten". Auch sei es nicht das Ziel, den einen Wohnungszuschnitt für eine ganze Generation zu erfinden. Popelka spricht sich stattdessen für die sogenannte „elastische“ Wohnung aus. Hier werden um einen zentralen Wohnraum herum kleine, vielfach schaltbare Räume gruppiert. Deren Nutzung kann sich an unterschiedliche Bewohner und unterschiedliche Lebensphasen anpassen. Hier können innerhalb der Wohnung Wände entfernt oder verschoben werden - oder aber ganze Räume wechselweise einer anderen Wohnung zugeordnet werden. So können Wohnungen vergrößert oder verkleinert werden, wenn sich die Bedürfnisse der Bewohner über die Jahre ändern.
Nach diesem Prinzip entwarf das Büro PPAG im Jahr 2016 ein ganzes Quartier mit 200 elastischen Wohnungen in Berlin-Zehlendorf. Umgesetzt werden konnte die innovative Planung jedoch nicht, weil ein Staatssekretär intervenierte.
Es mangelt also nicht an progressiven Ideen in der Architekturlandschaft. Doch oft entsprechen sie nicht den Vorgaben des geförderten Wohnungsbaus, die sich noch an starre Grundrisse orientieren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Wohnungsunternehmen keine Experimente wagen wollen. Sie betrachten die geplanten Wohnungen als Produkt, und müssen und wollen nicht zuletzt in erster Linie wirtschaftlich arbeiten. Dabei wird leicht die Möglichkeit verpasst, gesellschaftliche Veränderungen zu berücksichtigen und dem Wohnungsbedarf von heute entgegenzukommen.

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Iris Jansen

Iris Jansen verstärkt seit Juli 2021 als Content-Managerin unser Redaktionsteam. Als Chefredakteurin unserer Printmagazine informiert sie unsere Kunden über neue Entwicklungen innerhalb der Bauwirtschaft. Darüber hinaus schreibt sie Ratgeber- und Glossarartikel für unsere Onlinemagazine sowie aktuelle Texte für den News-Bereich. Für unsere vielfältigen Themenbereiche recherchiert sie täglich und hat stets im Blick, was sich im Bauwesen gerade tut. Einer ihrer Schwerpunkte ist es, komplexe Sachverhalte aus dem Ausschreibungs- und Vergabebereich strukturiert und verständlich aufzubereiten.