Solaranlagen auf Neubauten werden Pflicht

Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral werden, dabei stehen erneuerbare Energien im Fokus. Die ersten Bundesländer führen deswegen eine Solar-Pflicht bei Neubauten ein.

Solar-Pflicht bei Neubauten © ogressie

Insbesondere der Solarenergie wird die Rolle als Klimaretter zugesprochen. Doch damit die Solarenergie ihre angedachte Funktion erfüllen kann, muss der Ausbau von Solaranlagen signifikant vorangetrieben werden. Dabei soll eine Solarpflicht bei Neubauten helfen. Bremen und Bayern hängen noch an den Details. Schleswig-Holstein, Hamburg, Berlin und Baden-Württemberg hingegen haben bereits das entsprechende Gesetz erlassen. In Baden-Württemberg etwa müssen bereits zum Jahreswechsel Neubauten von öffentlichen Gebäuden, Gewerbeflächen und großen Parkplätzen mit Solaranlagen, also Photovoltaik (PV) oder Solarthermie, ausgestattet werden. Die Pflicht gilt für ab diesem Zeitpunkt gestellte Bauanträge. Ab Mai 2022 gilt die Solar-Pflicht auch für private Hausbauer und ab Januar 2023 sogar nach einer grundlegenden Dachsanierung von Bestandsgebäuden. Grundlage ist das Klimaschutzgesetz als Teil des Klimaschutzkonzeptes der grün-schwarzen Landesregierung. Die Landesregierung hat es sich zum Ziel gesetzt bereits 2040, also fünf Jahre vor dem Ziel der Bundesregierung, klimaneutral zu sein. Um das zu erreichen, müssen rund 1.000 Megawatt Leistung aus PV jährlich zugebaut werden.

Ist Solarenergie der Schlüssel zu einem klimaneutralen Deutschland?

Doch das Gesetz erntet ambivalente Reaktionen. "Auf dem Weg zur Klimaneutralität gibt es mehrere Wege, wie zum Beispiel der Einsatz von Wasserstoff als Energieträger oder E-Fuels bis hin zum nachwachsenden Energieträger Holz. Sich nun zuvorderst nur auf Photovoltaik als einzige Technologie zu stürzen, halten wir beim Verband für falsch. Die gesetzlichen Regelungen sollten einen technologie- und energieträgeroffenen Ansatz widerspiegeln", kritisiert Jörg Knapp, Leiter Referat Technik beim Fachverband Sanitär-Heizung-Klima Baden-Württemberg. Zudem befürchtet er, dass die Gesetzesänderung die Zahl der Dachsanierungen im Bestand reduzieren wird, weil Gebäudebesitzer die zusätzlichen Kosten scheuen könnten. Andererseits fehlt die Zeit, um noch auf bahnbrechende Neuerungen, etwa in der Forschung zu Wasserstoff als Energieträger zu warten. Aus Sicht des Bundesverbandes Solarwirtschaft (BSW) ist die Solar-Pflicht nicht genug. Er wünscht sich ein Solar-Beschleunigungsgesetz unmittelbar nach der Bundestagswahl. Der Ausbau von Photovoltaik sei noch immer zu langsam sei. Die Zahlen der Bundesnetzagentur zeigen zwar, dass die Nachfrage nach PV im ersten Halbjahr 2021 22 Prozent höher lag als im Vorjahreszeitraum, doch verschiedene Studien zeigen, dass drei- bis viermal so viele neue PV-Anlagen jährlich nötig wären, um den wachsenden Strombedarf klimafreundlich zu decken, der durch den Kohle- und Atomausstieg sowie die wachsende Elektromobilität entsteht.

Die Landesregierung wird zum Preistreiber beim Wohnen und Bauen

Der Sorge, dass Bauen und Wohnen dadurch teurer werde, begegnet Winfried Kretschmann, Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident, entspannt: Denn Photovoltaik werden sich für jeden Privateigentümer rechnen, "im Gegensatz zu einem schönen Bad, da hat man nur ein schönes Erlebnis, es amortisiert sich aber nicht." Doch das sieht nicht jeder so: "Der Solarpflicht stehen wir ablehnend gegenüber, da durch sie das Bauen und Wohnen insgesamt im Land verteuert wird", sagt ein Sprecher des Vereins Haus & Grund Württemberg. "Die Landesregierung bemängelt, dass das Wohnen immer teurer wird, ist jedoch selbst der größte Preistreiber." Der Verein rechnet vor: "Die Kosten einer Solaranlage plus Stromspeicher für ein Einfamilienhaus schätzen wir auf 13.000 bis 15.000 Euro." Auch die Verbraucherzentrale äußert sich kritisch, insbesondere zur Solar-Pflicht bei Wohngebäuden, bei denen die Wirtschaftlichkeit wegen der geringeren Fläche noch einmal kritischer sei als bei Nicht-Wohngebäuden. Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg hingegen, befürwortet die Solar-Pflicht. "Die Belastungen bei den Solardach-Investitionen sind überschaubar, zumal sich durch Einspeisevergütungen die Anlagen nach einigen Jahren amortisieren." Zudem bezweifelt er, dass es durch die Solaranlagenvergütung zu größeren Bauverzögerungen kommen wird. "Größere Umbauten sind dafür in der Regel nicht notwendig. Die Installation einer Solaranlage ist kein schwieriges Unterfangen und kann jederzeit auf unterschiedliche Dachflächengrößen angepasst werden."

Betriebe sind in Zukunft noch stärker gefordert Hausbauer aufzuklären

Aber unabhängig davon, für wie zielführend sich das Gesetz in den nächsten Jahren herausstellen wird steht fest, dass auf das Handwerk eine Menge Arbeit zukommt. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) arbeiten derzeit rund 450.000 Handwerksbetriebe mit etwa 2,5 Millionen Mitarbeitern in knapp 30 Gewerken daran, dass die Energiewende gelingt und Umwelt- und Klimaschutz auch im Bauwesen umgesetzt wird. Solarthermie werden dabei von SHK-Betrieben installiert und sogenannte Zebra-Betriebe, die SHK- und Elektro-Handwerk verbinden, treiben den PV-Ausbau voran. Der Ausbau von PV auf freiwilliger Basis wird allerdings durch die Kosten und die hohe Komplexität beim Steuergesetz und den Förderanträgen gebremst. Der Aufwand bei einem Einfamilienhaus ist noch zu bewältigen, aber Bauherren von Mehrfamilienhäusern sind meist überfragt. Der Fachverband versucht diese vielfältigen gesetzlichen Vorgaben und Informationen an seine Mitglieder weiterzugeben, indem er mit Organisationen wir der Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) zusammenarbeitet. Doch die Betriebe selbst sind gefragt, Hausbauer umfassend über Klimaschutz im Gebäudesektor und erneuerbare Energie aufzuklären. Jörg Knapp sieht sich mit seinem Verband gut aufgestellt: „Wir bieten schon seit einigen Jahren auch Fortbildungen für SHK-Handwerker an, damit sie sich in diesem Bereich weiterbilden können."

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Hannah Simons

Hannah Simons ist seit 2020 für die ibau GmbH tätig. Als Redakteurin recherchiert und verfasst sie Artikel für den News-Bereich und das Glossar. Dabei verfolgt sie das Ziel komplexe Inhalte einfach und gut verständlich aufzubereiten.