Rohstoffknappheit verhindert wirtschaftlichen Aufschwung

Materialknappheit und steigende Preise dominieren die Bauwirtschaft. Wann wird die Politik angemessen reagieren? Und handelt es sich um eine langfristige Entwicklung?

Rohstoffknappheit verhindert wirtschaftlichen Aufschwung © Gustavo

Die Rohstoffpreise sind in den letzten Monaten in die Höhe geschossen. Seit Herbst haben sich die Holzpreise teilweise mehr als verdoppelt. So berichtet Stefan Fichtl, Zimmermeister und Geschäftsführer von Holzbau Fichtl aus dem oberbayrischen Hechenwang im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung: "Statt 320 zahlen wir mittlerweile zum Teil mehr als 700 Euro für Standardkonstruktionsholz." Betroffen seien dabei alle Arten von Holz auf dem Bau und das Material sei nicht nur teurer geworden, sondern auch knapp. Als Ursache wird das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage in Folge der Corona-Pandemie gesehen. Vielerorts musste zur Eindämmung die Produktion heruntergefahren und die Nachfrage aus Lagern bedient werden. Hinzu kommen fehlende Frachtkapazitäten und die Nachwirkungen der Suez-Kanal-Blockade, die zu Lieferschwierigkeiten beitragen. Außerdem verschärfen Handelskonflikte die derzeitigen Engpässe einzelner Rohstoffe. Dazu gehören etwa die europäischen Importeinschränkungen von Stahl und Aluminium durch die EU-Schutzmaßnahmen als Reaktion auf die “232”-Zölle der USA oder die Exportbeschränkungen von Holz durch Russland und die Ukraine. Von dem Problem betroffen sind unterschiedlichste Branchen und die knappe Verfügbarkeit hemmt die Entwicklung zurück zur wirtschaftlichen Entwicklung vor der Corona-Krise.

Monatelange Wartezeiten auf Materiallieferungen

Viele Betriebe können die Verfügbarkeit von Rohstoffen nur noch schwer oder gar nicht einschätzen. Es besteht jederzeit die Sorge, dass Lieferzusagen nicht eingehalten werden können. Zudem ist die Preiskalkulation durch die rasanten Preisanstiege von Rohstoffen erheblich erschwert. "Wir waren es gewohnt, unser Material innerhalb von zehn Tagen geliefert zu bekommen, jetzt reden wir von acht bis zwölf Wochen", sagt Zimmermeister Fichtl, zum Teil noch mehr. Anfang Mai wollte er für September und Oktober bestellen, wurde jedoch auf November und Dezember vertröstet. Um langfristig planen zu können möchte er sich einen Vorrat anlegen und hat dazu zusätzliche Lagerflächen und ein großes Zelt erworben. Auch wenn die Auftragsbücher noch für Monate gefüllt sind, steht fest, dass dieses Jahr eine organisatorische Herausforderung wird.

Der Anfang einer langfristigen Entwicklung?

Wendelin von Gravenreuth, ist als Forstwirt zuständig für die Forstinvestitionen bei der Investmentgesellschaft Meag in München. Ihm zufolge verlangt der Markt vor allem Bauholz, die Nachfrage aus dem Papiersektor hingegen sei zumindest im Westen rückläufig. Deswegen sieht er holzsparendes Bauen als einen Lösungsansatz, indem beispielsweise auf Massivholzwände verzichtet wird. Grabenreuth erklärt, dass Rundholz im Vergleich zu bearbeitetem Material billig sei. Dabei liege das Problem nicht in erster Linie darin, dass vor Ort zu wenig Holz sei. Borkenkäfer, Trockenheit und Stürme haben den Wäldern zugesetzt, sodass viel Holz da ist, jedoch werde dieses nach China gebracht, wo ein großer Mangel herrscht. "China hat kaum Forstwirtschaft und die eigenen Naturwälder von der Nutzung ausgenommen." Er geht davon aus, dass Knappheit und hohe Preise langfristig den Markt bestimmen werden. Noch ein Faktor, der die Holzknappheit fördert, sei der Klimawandel. Dieser erfordere, dass Wälder umgebaut werden, sodass Laubbäume gegenüber Nadelholz dominieren. Allerdings wächst eine Buche beispielsweise viel langsamer als eine Fichte.

Angespanntere Situation als nach der Finanzkrise

Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) beleuchtet das Thema in einer Sonderauswertung seiner aktuellen Konjunkturumfrage. 42 Prozent der Unternehmen geben hohe Energie- und Rohstoffpreise als Geschäftsrisiko an. Das Verarbeitende Gewerbe sei besonders betroffen. Zwei Drittel der Industriebetriebe sehen in Energie- und Rohstoffpreisen ein Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung – zu Jahresbeginn waren es noch 45 Prozent. Derzeit wird in der Industrie kein Faktor häufiger genannt. Das zuletzt als sehr hoch eingeschätzte Risiko der Inlandsnachfrage hat hingegen an Bedeutung verloren und ist von 61 Prozent auf 49 gesunken. Auch im Baugewerbe hat das Geschäftsrisiko Energie- und Rohstoffe mit 62 Prozent (Jahresbeginn: 35 Prozent) enorm an Bedeutung gewonnen. Die einzige Herausforderung, die aktuell mehr Unternehmen beschäftigt, ist der Fachkräftemangel mit 67 Prozent. Eine vergleichbare Situation gab es zuletzt in den Jahren 2011 und 2012. Nach Überwindung der Finanzkrise waren die Rohstoffpreise auf breiter Front gestiegen. Allerdings erfolgte der Preiszuwachs etwas weniger sprunghaft als heute, sodass die Anpassungskosten für die Betriebe und die Wirtschaft insgesamt aktuell höher ausfallen dürften. Zudem war zu diesem Zeitpunkt das gesamte wirtschaftliche Umfeld weniger von protektionistischen Einflüssen geprägt.

Es kann nicht sein, dass Handwerksbetriebe trotz voller Auftragsbücher in Kurzarbeit gehen

Das Handwerk zeigt sich erschüttert aufgrund der fehlenden Hilfe von Seiten der Politik. Das Bau- und Ausbaugewerbe sei in der Pandemie zur Stütze der nationalen Konjunktur geworden. Allerdings wirkt sich die aktuelle Situation massiv negativ auf diese aus. "Die Politik ist aufgefordert, alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente so rasch es geht einzusetzen, um den Verwerfungen auf dem Markt für Baumaterialien entgegenzuwirken und diese in den Griff zu bekommen”, fordert Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). “Gerade in der gegenwärtig äußerst fragilen konjunkturellen Phase, in der alle wirtschaftlichen Kräfte für eine Wiederbelebung und den Neustart gebraucht werden, müssen derart zusätzlich belastende Faktoren aus dem Weg geräumt werden." Deswegen sei es angemessen, dass Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier die Preis- und Beschaffungsprobleme zur Chefsache erkläre. Es könne nicht sein, dass Handwerksbetriebe trotz gefüllter Auftragsbücher in Kurzarbeit gehen müssen, weil Materialien nicht beschafft werden können oder Preise massiv gestiegen sind. Wollseifer fordert, dass sogenannte Preisgleitklauseln künftig zum Standard werden, dass Handwerksbetrieben keine hohen Strafen auferlegt werden, wenn sie einen Vertrag nicht fristgerecht erfüllen können und die Regeln zur Stundung und Kurzarbeitergeld verlängert werden.

Die Bundesregierung möchte die Entwicklung weiter beobachten

Ende Mai erklärte die Bundesregierung, sie wolle die Entwicklung bei den stark steigenden Holzpreisen gemeinsam mit den Ländern beobachten, mehr aber auch nicht. Dazu bleibe man mit der Branche im Austausch, hieß es vom Wirtschaftsministerium, nach einem Gespräch Altmaiers mit Vertretern des Handwerks sowie der Bau- und Holzwirtschaft. Dabei sei auch über eine verstärkte Nutzung von Preisgleitklauseln und Erleichterungen für Unternehmen bei öffentlichen Ausschreibungen diskutiert worden. “Es bestand Einvernehmen unter den Beteiligten, dass die Nutzung von Holz weiter gestärkt werden soll und es gleichzeitig zunächst einer Beruhigung des Marktes bedarf.” Exportverbote und andere Handelsbeschränkungen seien dagegen kein geeignetes Mittel, erklärte das Ministerium weiter. Das sehe auch die Wirtschaft so.

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Hannah Simons

Hannah Simons ist seit 2020 für die ibau GmbH tätig. Als Redakteurin recherchiert und verfasst sie Artikel für den News-Bereich und das Glossar. Dabei verfolgt sie das Ziel komplexe Inhalte einfach und gut verständlich aufzubereiten.