Materialengpässe bremsen nachhaltiges Bauen

Im Gebäudebereich besteht ein hohes CO2-Einsparungspotential und der Holzbau kann hierbei unterstützen. Doch Lieferengpässe und Preissteigerungen machen ihn unattraktiver.

Materialmangel bremst nachhaltiges bauen © Kurhan

"Ich bin frustriert. Uns fehlen immer noch die Holzfenster. Wir warten jetzt seit April auf das Material", erzählt Eva Holdenried. Die Innenarchitektin ist für den Bau der neuen Kita im Rheinland-pfälzischen Wörrstadt verantwortlich, die überwiegend aus Holz besteht – doch aktuell kann sie nichts tun. "Verständlicherweise bekommen wir viele Anfragen von der Kommune, wann es endlich weitergeht. Aber das weiß ich auch nicht. Die internationale Nachfrage lässt Holz knapp werden, und die Preise sind gestiegen." Vor diesem Problem steht nicht nur sie. Viele Bauherren, die sich für ein nachhaltigeres Bauen mit Holz entschieden haben, warten auf ihre Materialien und schauen schockiert auf die Rechnung.

Der Gebäudebereich ist für 40 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland verantwortlich

Bei solchen Problemen stellt man gerne mal den Umweltaspekt hinten an. Dabei besteht gerade im Bausektor ein enormes Einsparungspotential. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt-, und Raumforschung (BBSR) in Bonn kommt zu dem Ergebnis, dass 40 Prozent der Treibhausgas-Emissionen in Deutschland durch die Herstellung, Errichtung, Modernisierung und Nutzung von Gebäuden verursacht werden. An die tagesschau.de schreibt das BBSR: "Eine wesentliche Voraussetzung, um die Klimaschutzziele in Deutschland (...) zu erreichen, ist die deutliche Reduzierung oder möglichst sogar Vermeidung von Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes hinweg. Das betrifft die Errichtung, den Betrieb, die Sanierung und den Rückbau."Holdenried befürchtet, dass Lieferengpässe und Preisanstiege einen dauerhaften Dämpfer für den Holzbau darstellen. "Das Interesse stieg zuletzt. Auch die Bauordnungen wurden angepasst. Jetzt kommt der Materialmangel und die Teuerung. Das hält natürlich viele Bauherren davon ab, in diese Richtung zu planen", sagt Holdenried. "Andere überlegen, wieder abzuspringen." Mit Holz zu bauen sei bauphysikalisch zwar anspruchsvoll, jedoch ist der positive Effekt nicht zu leugnen: "Allein dieser Neubau speichert 110 Tonnen CO2. Die Menge an Holz, die wir hier verbaut haben, wächst in Deutschland in 50 Sekunden nach. Man sieht die Potenziale - auch für die Umwelt."Zudem halten nachhaltige Bauten qualitativ mit konventionellen Bauten locker mit. "Betrachtet man die historischen Innenstädte, findet man dort vor allem Fachwerkbauten. Solange das Holz trocken bleibt, ist es auch langlebig."

Lieferprobleme könnten durch Regionalität gelöst werden

Der Architekt Jens Stahnke sieht weniger besorgt auf die aktuellen Lieferengpässe. Anders als Holz oder Stahl seien Materialien wie Lehm oder Ton günstig und sehr gut zu verwenden. Zudem bestünde eine Lösung im Lokalen: Das Holz sollte vor Ort angebaut werden, sodass Transportwege und noch mehr CO2 gespart werden können. Dabei wird eigentlich schon genug Holz in Deutschland angebaut, nur wird es oft exportiert, statt direkt hier verarbeitet. Im Jahr 2020 hat Deutschland 12,7 Millionen Tonnen Kubikmeter Rohholz exportiert, teilt das Statistische Bundesamt mit, überwiegend nach China und in die USA. Stahnke war an der Organisation des internationalen Kongress zum nachhaltigen Bauen beteiligt. Mehr als 600 Experten aus Deutschland, Frankreich, den Benelux-Staaten und der Schweiz nahmen daran teil. "Der Klimawandel macht nicht an den Grenzen halt. Es ist wichtig, sich international auszutauschen", sagt Stahnke. "In unserer Region werden ab 2050 im Sommer Temperaturen von bis zu 55 Grad erwartet. Wie können wir dem durch nachhaltiges Bauen entgegenwirken? Was bedeutet das für den Städtebau? Darauf müssen wir uns jetzt einstellen."

Wir brauchen eine progressive und mutige neue Regierung

Auch Christine Lemaitre, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, ist beim Holz optimistisch: „Die Preise beruhigen sich. Die Industrie dürfte die Lieferengpässe bald in den Griff bekommen.“ Ihrer Meinung nach liegt das größte Problem in der Politik, die bisher zu wenig Mut zeige. "Gesetze und Regularien müssen schnell überarbeitet, vereinheitlicht und vereinfacht werden." Dafür sei ein Bundesbauministerium nötig. Derzeit sei die Verantwortung über zu viele Ministerien in Berlin verstreut. "Das geht vor allem über das Innenministerium. Auch das Umweltministerium will mitreden, genauso wie das Wirtschaftsministerium und das Arbeitsministerium." Untereinander werde aber nicht gesprochen. Das könne so nicht bleiben. "Wir brauchen mehr Tempo beim nachhaltigen Bauen und dem Klimaschutz", sagt Lemaitre. "Ich hoffe sehr auf eine baldige Entspannung bei den Holzlieferungen. Ich fürchte aber, dass der Preis auch auf Dauer oben bleiben wird. Holz war früher eigentlich zu billig. Das nachhaltige Bauen wird so nicht leichter werden", befürchtet Holdenried. Doch Holz ist nicht der Schlüssel aller Probleme. Für einen geringeren Energieverbrauch ist auch ein schonenderer Umgang mit vorhandenen Immobilien nötig. "Statt Abriss sollten alte Häuser genutzt und wieder modernisiert werden. Auch das spart viel CO2. Wir brauchen auch beim Bauen ein neues Bewusstsein - auf allen Ebenen."

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Hannah Simons

Hannah Simons ist seit 2020 für die ibau GmbH tätig. Als Redakteurin recherchiert und verfasst sie Artikel für den News-Bereich und das Glossar. Dabei verfolgt sie das Ziel komplexe Inhalte einfach und gut verständlich aufzubereiten.