ibau Sentiment Analyse | März 2020: Wie sehr schadet Corona der Bauindustrie?

Schon vor der Corona-Krise deuteten viele Anzeichen, abgesehen von der Entwicklung der Börse, auf eine konjunkturelle Abkühlung hin. Davon schien die Baubranche ausgenommen. Jedoch zeichnet auch unsere Erhebung zur Anzahl der neu berichteten, geplanten Bauprojekte ein anderes Bild für die Zeit vor der Corona-Krise. Im ersten Quartal 2020 zeigt sich ein verringertes Projektvolumen von -11,1 % im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres. Besonders betroffen sind der Soziale Bereich mit -16,2 %, der Büro- und Verwaltungsbereich mit -12,4 % und der Industrie-, Handels-, und Gastronomiebereich mit -11,5 %. Der Wohnungsbau weist mit nur -5,8 % erwartungsgemäß den geringsten Verlust auf.

1| Zusammenfassung der Situation
  • Bereits vor der Corona-Krise war ein Rückgang neu berichteter, geplanter Bauprojekte um 11,1% im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres zu verzeichnen.
  • Durch die Schließung von Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten sowie das bundesweite Kontaktverbot befindet sich Deutschland seit Mitte März im Ausnahmezustand. Angesichts dessen sind die Zahlen zur Entwicklung geplanter Bauprojekte im März zu relativieren.
  • Erwartungsgemäß ist der Bereich Industrie, Handel und Gastronomie in der zweiten Märzhälfte dramatisch eingebrochen, aber auch der Bereich Wohnen verzeichnet einen starken Rückgang.
  • Die erste Einschätzung der Marktteilnehmer, dass kurzfristig alles weiter läuft, mittelfristig verhalten optimistisch reagiert wird und langfristig zunächst alles wie geplant bleibt, gilt weiterhin.
  • Der grundsätzliche Bedarf an Wohnraum und gewerblichen Immobilien sowie an kommunalen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen besteht weiterhin.
  • Es wird vermehrt zu gesundheitsbedingten Bauverzögerungen durch Ausfall von Personal und Lücken in den Lieferketten kommen.
  • Verzögerungen betreffen vor allem Projekte, die kurz vor Baubeginn stehen oder sich bereits im Bau befinden.
  • Im Bereich Wohnungsbau sind die kurzfristigen Aussichten insgesamt eher positiv, langfristig wird jedoch ein deutlicher Rückgang erwartet.
  • Aufgrund der langen Planungs- und Umsetzungsphasen hat die Baubranche die Chance mit Augenmaß auf zukünftige Herausforderungen zu reagieren.
2| Die Faktenlage

Schon vor der Corona-Krise deuteten viele Anzeichen, abgesehen von der Entwicklung der Börse, auf eine konjunkturelle Abkühlung hin. Davon schien die Baubranche ausgenommen. Jedoch zeichnet auch unsere Erhebung zur Anzahl der neu berichteten, geplanten Bauaufträge ein anderes Bild für die Zeit vor der Corona-Krise. Im ersten Quartal 2020 zeigt sich ein verringertes Projektvolumen von -11,1 % im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres. Besonders betroffen sind der Soziale Bereich mit -16,2 %, der Büro- und Verwaltungsbereich mit -12,4 % und der Industrie-, Handels-, und Gastronomiebereich mit -11,5 %. Der Wohnungsbau weist mit nur -5,8 % erwartungsgemäß den geringsten Verlust auf.

Die zweite Märzhälfte: Auswirkungen durch Corona

Seit der zweiten Märzhälfte waren die Auswirkungen der Corona-Krise deutlich erkenn- und spürbar. Einschneidende Maßnahmen der Politik beeinflussten das private und wirtschaftliche Leben. Deutschland befand sich faktisch spätestens seit der Schließung der Schulen, Kindergärten und Kindertagesstätten (16. März 2020) und dem bundesweiten Kontaktverbot (23. März 2020) im Ausnahmezustand.

Jeder Betrieb und jede Behörde beschäftigte sich mit Business Continuity Plänen, der Einrichtung von Homeoffice Möglichkeiten und Produktionsausfallszenarien. Im Ergebnis wurden im öffentlichen Bereich viele Ausschreibungen gar nicht ausgeschrieben, Submissionen nicht eröffnet, Genehmigungen nicht erteilt und Büros nicht besetzt.

Aus unserer Sicht und Erfahrung sowie in Anbetracht der Ausnahmesituation sind die Zahlen zur Entwicklung der geplanten Bauprojekte im März nicht aussagekräftig.

Geplante Bauprojekte: Veränderung vom 1. Quartal 2020 im Vergleich zum 1. Quartal 2019
Geplante Bauprojekte: Veränderung vom 1. Quartal 2020 im Vergleich zum 1. Quartal 2019

Was zeigen die Zahlen für die zweite Märzhälfte?

Diese Auswirkungen durch Corona spiegeln sich auch in unseren Zahlen wider: Der Bereich Industrie, Handel und Gastronomie ist dramatisch eingebrochen, insgesamt um -38,6%. Der „shut down“ hat diese Branchen erwartungsgemäß am stärksten getroffen. Aber auch im Bereich Kultur, Bildung und Wissenschaft sind ähnliche Einbrüche zu erkennen. Selbst im Bereich Wohnen, dem ein Wachstum garantiert wurde, ist ein starker Rückgang zu verzeichnen. Wird der Faktor des Ausnahmezustandes berücksichtigt, sind diese Zahlen aber zu relativieren. Die ersten Indikatoren im April zeichnen bereits ein deutlich anderes Bild. Die konkreten Entwicklungen und unsere Einschätzungen dazu, folgen in vier Wochen.

Zusammenfassung

Umso wichtiger sind neben diesen nüchternen Zahlen die Aussagen unserer Ansprechpartner in den Architektur- und Planungsbüros sowie den großen Bau- und Generalunternehmen.

Geplante Bauprojekte: Die zweite Märzhälfte im Vergleich zum Durchschnitt 2020 (YTD vor Corona)
Geplante Bauprojekte: Die zweite Märzhälfte im Vergleich zum Durchschnitt 2020 (YTD vor Corona)
3| Die Stimmungslage

Mitte März haben wir den ersten ibau Stimmungsbericht vorgelegt. Der darin beschriebene Eindruck lässt sich wie folgt zusammenfassen: kurzfristig läuft alles weiter, mittelfristig wird verhalten optimistisch reagiert und „auf Sicht gefahren“, langfristig bleibt erst mal alles wie geplant.

Zurzeit erscheinen Tage wie Wochen und Wochen wie Monate. Gerade daher gilt es diesen Eindruck erneut zu hinterfragen. An dieser Einschätzung hat sich jedoch im Grundsatz nichts geändert, obwohl sich abzeichnet, dass die Auswirkungen der Corona-Welle jetzt erst deutlich spürbar werden und sich Ausfälle und Verzögerungen mehren. Auf mittelfristige Sicht verzögern sich insbesondere die Projekte, die kurz vor Baubeginn stehen oder sich bereits im Bau befinden. Verzögerung bedeutet jedoch nicht, dass diese Projekte nicht begonnen oder beendet werden.

Diese Einschätzung stützt sich auf die Erkenntnis, dass die jetzige Situation nicht das Ergebnis einer nachfragebedingten Konjunkturkrise ist, sondern auf einem in dieser Form nicht vorhersehbaren dramatischen Ereignis basiert. Durch dieses entfällt weder der grundsätzliche Bedarf an Wohnraum noch an kommunalen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen. Auf Dauer wird der Bedarf an gewerblichen Immobilien jedoch deutliche Rückgänge verzeichnen. Die Hintergründe hierzu werden im Folgenden noch genauer beleuchtet.

Auch wenn unsere Zahlen der geplanten Bauprojekte, wie zuvor dargestellt, einen Rückgang andeuten, wird sich dieser aufgrund der langen Zeitspanne von der Planung eines Bauprojektes bis zu Genehmigung und Baustart erst verzögert auswirken. Dementsprechend wird sich auch im laufenden Jahr an den geplanten Bauvorhaben nicht sehr viel ändern. Es wird allerdings vermehrt zu gesundheitsbedingten Bauverzögerungen durch Ausfall von Personal und Lücken in den Lieferketten kommen.

Im Wohnungsbau wird für die kurzfristigen Entwicklungen ein insgesamt positiveres Bild erwartet. Die Branche setzt zurzeit alles daran, begonnene bzw. bereits vertraglich geregelte Bauaufträge zügig umzusetzen. Die Erwartungen angesichts der mittelfristigen Entwicklungen sind eher von Vorsicht geprägt. Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit gefährden sowohl die Eigenfinanzierung als auch die Vermietung als Einnahmequelle. So gehen die von uns befragten Bauträger davon aus, dass sowohl private Kapitalanleger als auch Bauherren mit dem Ziel der Eigennutzung erst die mittelfristige Entwicklung abwarten, bevor weitere Wohnungsbauprojekte geplant werden.

Langfristig – so die derzeitige Einschätzung – wird das Schaffen von neuem Wohnraum stark zurückgehen (-19,76 %). Unisono ist der Vertrieb bei allen von uns befragten Bauträgern und Wohnungsbaugesellschaften signifikant eingebrochen. Ungeachtet des nach wie vor hohen Bedarfs an neuem Wohnraum halten sich die Investoren mit langfristigen Projekten und deren Ausschreibungen zurück, weil nicht abschätzbar ist, wie weit die Folgen der Corona-Krise auf das Einkommen und damit auch auf Investitionsvolumina Einfluss nehmen werden.

Auch stimmen die Bauträger in diesem Bereich überein, dass es sich bei dem Erwerb von Eigentumswohnungen weniger um einen von der Wohnungsnot sondern eher um einen von der Anlage liquider Mittel und Steueroptimierung getriebenen Markt handelt. Als Folge der Corona-Krise wird hier eine gewisse Rückbesinnung erwartet, die zu einem Einbruch der Nachfrage und damit wieder zu einem angemessenen Preisniveau führt.

Unabhängig davon, wie es weiter gehen wird, hat sich bislang deutlich abgezeichnet, dass alle Beteiligten in den letzten Wochen ein nicht für möglich gehaltenes Maß an Flexibilität und Kreativität im Umgang mit sich radikal veränderten Rahmenbedingungen bewiesen haben. Einige, unter anderem organisatorische Veränderungen, lassen sich den folgenden Originalstimmen entnehmen.

Darüber hinaus hat die Baubranche im Verhältnis zu anderen Bereichen noch ein Ass im Ärmel, das für verhaltene Zuversicht sorgt. Trotz aller Widrigkeiten sind Aufträge meist weit über die nächsten sechs Monate hinaus geplant, so dass sich die damit verbundene Zeitverzögerung positiv auswirkt. Beteiligte der Baubranche stehen nicht am Anfang der „Dominoreihe“ und haben die Chance mit Augenmaß auf zukünftige Herausforderungen zu reagieren.

4| Originalstimmen

Abschließend finden Sie hier noch ein paar Originaltöne aus unseren Interviews.

Zum Thema Lieferengpass

Sichtweise eines Generalunternehmers: „… die aktuellen Projekte laufen bis jetzt normal weiter. Kurzfristig hatten wir Befürchtungen bei der Lieferung von Stahlbeton-Filigrandecken – das hat sich aber zum Glück erledigt. Sonst hätten wir auf Schalung oder Ortbeton gehen müssen. Wir bestellen derzeit auf Vorrat, das heißt Material, das erst in ein paar Monaten gebraucht wird, wird als sofortiger Bedarf angemeldet. Dann kommt es pünktlich zum Termin! Auch Fliesen aus Italien oder Spanien für Sommer oder Herbst werden jetzt schon bestellt. Sollten die dann noch nicht liefern können, werden wir auf einheimische Hersteller zurückgreifen.“

Zum Thema Kommunikation

Sichtweise eines Generalunternehmers: „… die Kommunikation aus dem Homeoffice ist ok – aber auch nicht mehr. Die Preisverhandlungen mit Subunternehmern laufen über Videokonferenz. Hier lassen sich nicht so gute Preise erzielen wie bei Face-to-Face-Verhandlungen. Allgemein sind die Auftragsbücher der Subs noch voll, sie lassen kaum einen Preisnachlass zu. Von 50 rausgeschickten Leistungsverzeichnissen kommen nur zehn zurück. Oftmals wird eine Anreise von 50 km schon als zu weit abgelehnt! Mit fehlenden ausländischen Facharbeitern (Rumänien) haben wir kein Problem, da alle hier geblieben sind.“

Zum Thema Kommunikation

Sichtweise eines Planers: „… hinderlich sind die Verhandlungsgespräche über Video und Telefonkonferenz. Hier fehlt die persönliche Nähe. Dasselbe gilt auch bei Projekten in der Vorplanung: Hier wäre es wünschenswert, wenn man mit dem Bauherrn persönlich an einem Tisch die eine oder andere Idee diskutieren könnte. … Den Bauherrn geht es genauso, so sind zum Beispiel Projekte nach hinten verschoben worden, weil der Bauherr den Kick-off-Termin, also persönliches Kennenlernen, Vertrauensaufbau und so weiter unbedingt möchte, es aber derzeit aus bekannten Gründen nicht stattfinden kann.“

Zum Thema krankheitsbedingter Personalausfall

Sichtweise eines Generalunternehmers: „… wir haben Arbeitsteams von maximal fünf Mitarbeitern pro Team. Es gibt keinen Austausch zwischen den Teams. Sie bleiben isoliert voneinander im Einsatz. Somit ist im Corona-Fall der Ausfall auf maximal fünf Mitarbeiter begrenzt und die Einsatzplanung kann entsprechend umdisponieren.“


Informationen als PDF zum Herunterladen

Laden Sie sich die ibau Sentiment Analyse hier für März 2020 als praktisches PDF herunter.

Was ist die ibau Sentiment Analyse und wie sind die Ergebnisse zu bewerten?

Die ibau Sentiment Analyse gibt das aktuelle Stimmungsbild von Entscheidungsträgern und Machern der Baubranche wieder. Basierend auf den Aussagen von Investoren, Projektsteuerern, Planern, Generalunternehmern, Vergabestellen, Architekten und Bauträgern bewerten wir die aktuelle Situation, um frühzeitig Entwicklungstendenzen für alle Beteiligten der Bauwirtschaft aufzuzeigen.

Angesichts der aktuell von Corona geprägten Situation ändert sich das Stimmungsbild der Verantwortlichen der Bauwirtschaft schnell – und tiefgreifend. Daher werden wir Sie mit der ibau Stimmungsanalyse monatlich auf dem Laufenden halten.

Wie gehen wir vor?

Die ibau Sentiment Analyse beruht auf drei Faktoren:

  1. Die Prognose basiert auf der statistischen Auswertung von Trends der uns neu berichteten, geplanten Bauprojekten. Diese liegen zeitlich weit vor der tatsächlichen Baugenehmigung und werden erst in ein bis zwei Jahren als Aufträge in den Tabellen des Statistischen Bundesamtes vermerkt. Durch diese Betrachtung wird ein weitreichender Blick in die Zukunft möglich.
  2. Es erfolgt eine qualitative Bewertung von über 1.000 Gesprächen mit den oberhalb genannten Ansprechpartnern wie Projektverantwortlichen, Investoren, Bauträgern, Planern und Architekten.
  3. Basierend auf 30 Schwerpunktinterviews mit ausgewählten Zielgruppen arbeiten wir die zum Teil unterschiedlichen Sichtweisen gesondert heraus. So lassen sich aktuelle Entwicklungen aus verschiedenen Perspektiven oder aus Sicht einer definierten Zielgruppe beleuchten.

Abschließender Hinweis

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern auf dieser Website die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Alle Informationen auf dieser Seite wurden nur zur allgemeinen Orientierung veröffentlicht.

ibau Redaktion

Auf Basis der Erfahrung von über 60 Jahren täglicher Recherche und Analyse von Ausschreibungen und Vergaben im öffentlichen und gewerblichen Sektor veröffentlicht die ibau Redaktion Ratgeber-Inhalte um Sie über verschiedene Fragen und Problemstellungen rund um Ausschreibungen und Vergaben aufzuklären.