ibau Sentiment Analyse | Januar 2021:
Wird eine nachgelagerte Krise im Baubereich erwartet?

Seit unserer letzten Sentiment Analyse im Oktober ist ein weiteres Quartal unter dem Einfluss des Corona-Virus vergangen: Die sich seit November extrem zuspitzenden Infektionszahlen haben zu einem erneuten Lockdown geführt, den so nur etwa 10 Prozent der Planer erwartet hatten.

Der Grund dafür war vermutlich das Prinzip Hoffnung aufgrund der kurz bevorstehenden Zulassung eines oder mehrerer Vakzine. Die Aussicht auf einen wirkungsvollen Impfstoff veranlasste die Mehrheit politisch und ökonomisch Verantwortlicher bis zum Jahresende zu der Einschätzung, dass es trotz der steigenden Infektionszahlen schon bald zu einer allgemeinen Entspannung der Lage kommen könnte. Bekräftigt wurde diese Annahme durch die intensiven Vorbereitungen zur Massenimpfung in der zweiten Dezemberhälfte und die Ankündigung mit den Impfungen noch im Jahr 2020 starten zu können. Seit Anfang Januar hat diese optimistische Grundstimmung deutlich abgenommen. 

1| Zusammenfassung

Wie am 10. Februar beschlossen, wird der Lockdown weitere drei Wochen bis zum 7. März fortgesetzt.

Die Stimmung in Deutschland schwankt weiter zwischen Extremen. Die Impfstoffzulassungen lösten Optimismus aus. Die Mutationen des Corona-Virus und das „Impfchaos“ trüben diesen fast umgehend wieder.

Die Krise belastet im Wesentlichen unmittelbar betroffene Wirtschaftszweige. Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen sind noch erstaunlich gering. Die Börse hat die Überwindung der Krise vorweg genommen – wohl auch getrieben von freier Liquidität in noch nie dagewesenem Volumen. Zugleich warnen ausnahmslos alle Industrieverbände vor den Folgen des Lockdowns und drängen auf dessen Lockerung.

Im Oktober hat der Großteil der Planer (90 %) nicht mit einem zweiten Lockdown gerechnet. Die nun eingetretene Realität hat die Stimmung nicht völlig kippen lassen, die aktuellen Umfrageergebnisse zeigen jedoch den Trend hin zu einer pessimistischen Erwartungshaltung im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen.

Anteil von Planern und Architekten, die einen Auftragsrückgang in den letzten vier Monaten erlebt haben:

  • Der Anteil im öffentlichen Bereich (35,5 %)deckt sich nahezu mit den erwarteten Werten im Oktober.
  • Auch im gewerblichen Bereich sind die Erwartungen eingetroffen, fast die Hälfte erlebte hier einen Rückgang (42,7 %). Stärkere Einbrüche wurden durch Verschiebungen vom Einzelhandelsbereich hin zum Logistiksektor und vom Büroflächenbedarf zum Geschosswohnungsbau kompensiert.
  • Der Wohnungsbau ist differenziert zu betrachten: Der Geschosswohnungsbau bleibt weitgehend stabil, beim Einfamilienhausbau erleben 73 Prozent einen Rückgang.

Ausblick erstes Halbjahr 2021: verhalten abwartend

  • Die Befürchtung einer zeitverzögerten Krise überwiegt in den aktuellen Ergebnissen.
  • Die Hälfte der befragten Partner erwartet keine Wachstumstendenzen (49,9 %). Betriebswirtschaftlich stellt diese Stagnation eine negative Entwicklung dar, vor dem Hintergrund einer in den letzten Jahren prosperierenden Bauwirtschaft und der Corona-Krise ist diese Stagnation jedoch weniger dramatisch.
  • Die höchsten Erwartungen liegen im Wohnungsbaubereich mit 36,9 Prozent im Geschosswohnungsbau und 29 Prozent im Einfamilienhausbau.
  • Nur geringe Hoffnungen ruhen auf steigender Tätigkeit im gewerblichen (11,5 %) und öffentlichen Baubereich (14,6 %). Die Mehrheit rechnet nicht mit einer kurzfristigen Erholung der von der Pandemie betroffenen Wirtschaftszweige.

Ausblick zweites Halbjahr: eher skeptisch

  • Im Vergleich zum ersten Halbjahr nehmen die optimistischen Einschätzungen leicht zu, dennoch lässt sich eine deutliche Verschiebung der bisher eher paritätischen Stimmungslage hin zu einer eher skeptisch eingestellten Zweidrittelmehrheit erkennen.
Exklusives Experten Interview

Exklusives Experten Interview | 25. Februar 2021 – 16:00 Uhr

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2| Die Stimmungslage

Die Nachrichten von der rasanten Ausbreitung aggressiver Mutationen des Corona-Virus und einer damit zwangsläufig einhergehenden Verlängerung des Lockdowns lassen das Szenario drohender Masseninsolvenzen wieder deutlich wahrscheinlicher werden. Beschleunigt wird diese Entwicklung durch die Impfstoff-Lieferengpässe.

Insbesondere das angeschlagene Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der politischen Kräfte auf nationaler und internationaler Ebene zeigt, dass die Erwartungen zukünftiger Entwicklungen sehr stark von subjektiven Einschätzungen und weniger von realbasierten Daten und Fakten geprägt sind. Dies verwundert nicht, da ein Rückgriff auf eine nur annähernd vergleichbare Situation in der Vergangenheit nicht möglich ist.

Entwicklung seit Oktober 2020

In der ibau Sentiment Analyse im Oktober haben die Architekten und Planer ihre Erwartungen zu drei möglichen Entwicklungen abgegeben. Damals haben nur knapp zehn Prozent einen zweiten Lockdown, verbunden mit erheblichen Einbußen auch für die Bauwirtschaft, erwartet. Die überwiegende Mehrheit von über 90 Prozent hatte nicht mit einem zweiten Lockdown gerechnet.

Im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung der Baubranche ließen sich zwei etwa gleich große
Lager ausmachen: Auf der einen Seite diejenigen mit der optimistischen Erwartungshaltung, dass keine nachhaltigen Einbrüche beim Auftragsvolumen eintreten werden (44,5 %) und auf der anderen Seite diejenigen mit der pessimistischen Erwartungshaltung, dass Planungs- und Auftragsvolumen nachhaltig sinken werden (43,8 %). Dieses ausgewogene Verhältnis zwischen optimistischen und pessimistischen Erwartungen für zukünftige Entwicklungen ist seit Beginn unserer Analysen zu beobachten und zieht sich wie ein roter Faden durch alle Befragungen.

Anknüpfend an unsere letzte Befragung haben wir in unserer aktuellen Umfrage herausfinden wollen, ob es seit Oktober 2020 einen signifikanten Auftragsrückgang gegeben hat oder nicht. Dabei sollten der öffentliche und gewerbliche Baubereich sowie der Wohnungs- und Einfamilienhausbau getrennt voneinander bewertet werden.

Hinsichtlich der unmittelbaren Auftragsentwicklung nach der letzten Befragung gaben knapp 56 Prozent der Befragten an, dass ein Auftragsrückgang ausgeblieben ist. Auch im Hinblick auf die einzelnen Geschäftsbereiche konnten für das abgeschlossene Jahr weniger Auftragseinbußen verzeichnet werden als erwartet wurden.

Bei der Sentiment Analyse im Oktober haben knapp 34 Prozent der Befragten im öffentlichen und knapp 50 Prozent der Befragten im gewerblichen Bereich mit steigenden Auftragsrückgängen gerechnet. Diese Werte liegen erstaunlich nah an den aktuellen Werten mit 35,5 Prozent im öffentlichen und 42,7 Prozent im gewerblichen Bereich.

Offensichtlich haben sich die ökonomischen Herausforderungen aus den von der Pandemie stark betroffenen Wirtschaftszweigen wie Gastronomie, Veranstaltungs- und Kulturwesen sowie Einzelhandel nicht ganz so stark auf die kurz- bis mittelfristige Planung im Gewerbebau niedergeschlagen. Dieses Ergebnis hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sich die Schwerpunkte im Gewerbebau unter anderem vom Einzelhandelsbereich zum Logistiksektor verlagert haben. Hier lässt sich stellvertretend auf die gestiegene Anzahl benötigter Lagerkapazitäten des Internetriesen Amazon verweisen. Ähnliche Anpassungstendenzen gibt es beim Büroflächenbedarf. Aufgrund der Zunahme von Homeoffice haben Umplanungen hin zum Geschosswohnungsbau stattgefunden.

Auch aus der Umfrage der Heinze Marktforschung unter Architekten und Planern geht hervor, dass der Wohnbau im Vergleich zum Nichtwohnbau wesentlich stärker ansteigt. Die Teilnehmer wurden nach Ihrer Einschätzung gefragt wie sich die Bereiche Wohnbau und Nichtwohnbau im Hinblick auf Neubauten und Modernisierungen entwickeln. Demzufolge steigen die Zahlen für Neubauten im Wohnbau stark an, wohingegen Neubauten im Nichtwohnbau rückläufige Zahlen aufweisen.

Entwicklung Neubau, Wohnbau und Nichtwohnbau im Vergleich für Juni, August und November 2020

Auch aus der Umfrage der Heinze Marktforschung unter Architekten und Planern geht hervor, dass der Wohnbau im Vergleich zum Nichtwohnbau wesentlich stärker ansteigt. Die Teilnehmer wurden nach Ihrer Einschätzung gefragt wie sich die Bereiche Wohnbau und Nichtwohnbau im Hinblick auf Neubauten und Modernisierungen entwickeln. Demzufolge steigen die Zahlen für Neubauten im Wohnbau stark an, wohingegen Neubauten im Nichtwohnbau rückläufige Zahlen aufweisen.

Entwicklung Neubau, Wohnbau und Nichtwohnbau im Vergleich für Juni, August und November 2020

Die aktuellen Umfrageergebnisse der Sentiment Analyse im Januar übertreffen im Wohnungsbau die Erwartungen vor allem im Einfamilienhausbau. Im Oktober rechneten knapp 24 Prozent der Befragten mit vermehrten Auftragsrückgängen. In unserer aktuellen Umfrage gaben entsprechend 21,8 Prozent an, dass sie Auftragseinbußen im Wohnungsbau zu verzeichnen hatten. Für den Einfamilienhausbau lag die Zahl allerdings bei fast 73 Prozent. Beim Vergleich dieser Werte ist jedoch zu beachten, dass bei der aktuellen Umfrage zwischen Geschosswohnungsbau und Einfamilienhausbau unterschieden wurde.

Diese Unterscheidung wurde bei der Sentiment Analyse im Oktober nicht vorgenommen. Jedoch verwundert dieses Ergebnis nicht. Die hohe Rückgangsquote im Einfamilienhausbau ist damit zu erklären, dass sich die Investitionsperspektiven gewerblicher und privater Anleger unterscheiden. Der von gewerblichen Anlegern finanzierte Geschosswohnungsbau dient als Renditeobjekt und kann unabhängig von der aktuellen Arbeitsplatzunsicherheit bewerkstelligt werden, wohingegen der vor allem von privaten Anlegern finanzierte Einfamilienhausbau von der Arbeitsplatzunsicherheit aufgrund der Pandemie und der damit verbundenen unsicheren Finanzierung betroffen ist.

Haben Sie einen signifikanten Auftragsrückgang in den letzten 4 Monaten (saisonbereinigt in einzelnen Geschäftsbereichen erlebt?
Haben Sie einen signifikanten Auftragsrückgang in den letzten 4 Monaten (saisonbereinigt in einzelnen Geschäftsbereichen erlebt?

Ausblick auf das Jahr 2021

Wie bereits angesprochen, haben sich die Umstände besonders in den letzten vier bis fünf Wochen deutlich verschärft: Das Auftauchen neuer Corona-Virus-Mutationen, ein zögerlicher Rückgang der Inzidenzzahlen, Lockdown-Müdigkeit in der Bevölkerung sowie Uneinigkeiten in Wissenschaft und Politik wie föderalistische Auslegungen von Vorgaben und ein fragwürdiges Impfmanagement verunsichern die Allgemeinheit zunehmend und machen es Entscheidern in der Baubranche nicht leichter, eine halbwegs gesicherte mittelfristige Auftragsplanung zu erstellen.

Vor diesem Hintergrund wurde die weitere zukünftige Entwicklung in der aktuellen Befragung differenziert betrachtet. Erfragt wurde die Einschätzung zur Auftragsentwicklung jeweils für das erste und das zweite Halbjahr 2021. Zumal zum aktuellen Zeitpunkt davon ausgegangen werden kann, dass sich bis dato noch problematische Abläufe, wie etwa Lieferengpässe bei der Impfstoffbereitstellung, im weiteren Verlauf des Jahres verbessern können.

Ausblick erstes Halbjahr

Rückblickend betrachtet zeigten die Umfrageergebnisse unserer Sentiment Analysen nahezu eine Parität zwischen optimistischen und pessimistischen Erwartungen an die zukünftigen Entwicklungen. Dennoch ließ sich immer ein kleiner Überhang zu einer optimistischen Einschätzung erkennen. Dieses Mehrheitsverhältnis scheint sich mit den aktuellen Ergebnissen beim Blick auf die zukünftige Auftragsentwicklung für 2021 zu verschieben. Der Anteil derer, die eine nachgelagerte Krise für wahrscheinlich halten, überwiegt in den aktuellen Ergebnissen.

Gerade einmal 23 Prozent der Befragten erkennen für das erste Halbjahr eher eine steigende Auftragstendenz. Hingegen erwarten knapp 50 Prozent keine Wachstums- sondern allenfalls stagnierende Tendenzen in der Auftragsbeschaffung. Mit 27 Prozent geht sogar fast ein Drittel aller Befragten von einem Auftragsrückgang aus. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass Stagnation vor dem Hintergrund einer seit Jahren stark prosperierenden Bauwirtschaft bei Anlegen eines Durchschnittsmaßstabs nicht als ausgesprochen pessimistische Aussage, sondern eher als verhalten zufriedenstellend verstanden werden darf.

In der Einzelbetrachtung liegen mit knapp 37 Prozent die höchsten Auftragserwartungen im Wohnungsbaubereich. Sogar beim Einfamilienhausbau ist mit 29 Prozent knapp ein Drittel der Befragten der Ansicht, dass es dort wieder zu einer Steigerung der Nachfrage kommt. Hier lassen sich die Erfahrungen während der Pandemie anführen. So kann vermutet werden, dass diese eine nachhaltige Veränderung von Lebensumständen nach sich ziehen, wie etwa vermehrtes Arbeiten im Homeoffice und der Trend zu mehr Grün- bzw. Bewegungsfläche.

Zu einer steigenden Auftragslage äußern sich die Umfrageteilnehmer im gewerblichen Baubereich mit nur 11,5 Prozent und im öffentlichen Bereich mit 14,6 Prozent stark verhalten. Die Mehrheit rechnet nicht mit einer kurzfristigen Erholung der von der Pandemie – wenn auch nicht zentral – betroffenen Wirtschaftszweige wie der Automobilindustrie oder dem Maschinenbau. Die erwarteten geringen Zuwächse rekrutieren sich voraussichtlich aus dem Logistikbereich.

Dass die kommunale Auftragslage nicht wirklich Anlass zu Optimismus geben wird, war spätestens abzusehen nachdem die Corona-Beschlüsse der Bundesregierung im Frühjahr letzten Jahres trotz nachdrücklicher Forderungen aus Verbandskreisen weder konkrete und nachhaltige Investitionsprogramme zur Stabilisierung der öffentlichen Hand als verlässlicher Bauauftraggeber beinhalteten noch dringend benötigte Reformen zur Vereinfachung des Baurechts auf den Weg gebracht wurden. Dementsprechend erwarten weniger als ein Fünftel der Befragten eine steigende Auftragsentwicklung. Auch das Ergebnis der Frage danach, ob das Investitionsvolumen der öffentlichen Auftraggeber zurückgegangen sei, unterstreicht dies eindrucksvoll.

Wie schätzen Sie Ihre weitere Auftragsentwicklung für das erste Halbjahr 2021 in den einzelnen Geschäftsbereichen ein?
Wie schätzen Sie Ihre weitere Auftragsentwicklung für das erste Halbjahr 2021 in den einzelnen Geschäftsbereichen ein?
Ist das Investitionsvolumen öffentlicher Auftraggeber zurückgegangen?

Die Hälfte aller Befragten gibt an einen merklichen Rückgang der Investitionen öffentlicher Auftraggeber zu verzeichnen (49,5 %). Mit 14,6 Prozent der Befragten sieht lediglich eine Minderheit im öffentlichen Auftragsbereich eine Erholung oder steigende Entwicklung. Diese Werte zeigen, dass die bisher ergriffenen staatlichen Stützungsmaßnahmen nicht wirklich gegriffen haben. So wird bestenfalls mit der Beibehaltung des Status Quo gerechnet (54,5 %). Wegen möglicherweise weiterer Abgänge von Gewerbesteuereinnahmen durch insolvente Unternehmen sehen ein Drittel der Befragten sogar eine eher sinkende Auftragsentwicklung für die Zukunft (30,9 %).

Neue geplante Bauvorhaben öffentlicher Auftraggeber Januar 2021 im Vergleich zu Januar 2020

Diese Zahlen decken sich mit dem sehr deutlichen Rückgang geplanter Bauprojekte für den Monat Januar. Die neuen geplanten Bauvorhaben der öffentlichen Hand sinken im Vergleich von Januar 2020 zu 2021 erheblich.

Abschließend lässt sich dennoch festhalten, dass sich die Erwartungen unserer Umfrageteilnehmer für das erste Halbjahr 2021 insgesamt als verhalten abwartend einstufen lassen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Hälfte der Befragten eine stagnierende Auftragslage erwartet, die gemessen an der gesamtwirtschaftlichen Lage doch ein sehr hohes Niveau hat. Grund dafür ist der wohl noch starke Auftragsnachlauf aus dem letzten Jahr.

Erwarten Sie für das 2. Halbjahr 2021 einen „goldenen Herbst“ mit nachgeholtem Auftragsboom oder eine „dunkle Herbstzeit“ ohne übermäßig gestiegenes Auftragsvolumen?

Ausblick zweites Halbjahr

Wie eingangs beschrieben, sollte durch die Bewertung der Auftragslage nach Halbjahren ein differenzierteres Erwartungsbild für das Jahr 2021 skizziert werden. Insbesondere die Nachricht, dass mehrere Hersteller kurz vor der Zulassung wirksamer Impfstoffe standen, gab berechtigten Anlass zur Hoffnung, dass der Einfluss der Corona-Krise und auch die damit einhergehenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen perspektivisch ein Ende haben werden. Die Entwicklungen im Verlauf des Januar wie Lieferengpässe bei der Impfstoffbereitstellung, die europaweit rasante Ausbreitung mutierter Corona-Viren und der verlängerte Lockdown haben eine möglicherweise positive Erwartungshaltung allerdings getrübt. Dennoch glauben im Vergleich zum ersten Halbjahr zusätzliche zwei Prozent an einen „Goldenen Herbst“ mit nachgeholtem Auftragsboom.

Im Vergleich zum ersten Halbjahr ist auch die Anzahl derjenigen, die ein stagnierendes Auftragsvolumen erwarten (48,9 %) mit 62,5 Prozent noch mal um knapp 13 Prozent gestiegen. Hinzu kommen 10,5 Prozent von den 12,5 Prozent aus der Rubrik „Andere Einschätzung“, die sogar ein eher fallendes Auftragsvolumen erwarten. Dementsprechend lässt sich eine deutliche Verschiebung der bisher eher gleichmäßig verteilten Stimmungslage hin zu einer eher skeptisch eingestellten Zweidrittelmehrheit erkennen.

Exklusives Experten Interview

Exklusives Experten Interview | 25. Februar 2021 – 16:00 Uhr

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4| Originalstimmen

Die Originaltöne aus unseren Interviews liefern einen Einblick in die aktuelle Stimmungslage. Auffallend ist, dass die persönlichen Gespräche vermehrt positive Signale beinhalten, wohingegen die Gesamtbefragung ein anderes Bild zeichnet. Diese vermeintliche Abweichung lässt sich auf die vorherrschende noch überwiegend gleichmäßige Verteilung einer positiven oder negativen Stimmungslage zurückführen.

Icon Wohnungsbau
Vertriebsleiter einer großen Wohnungsbaugesellschaft im Rhein-Main-Gebiet

Zum Wohnungsbau: „Wir haben uns seit einiger Zeit schon vermehrt auf das Reihenhaus-Segment verlegt, da hier die Nachfrage ungebrochen hoch ist bzw. noch weiter steigt. Der Trend junger Familien der Stadtenge zu entfliehen, bei gleichzeitig niedrigen Zinsen und Baupreisen, die drohen allenfalls weiter nach oben zu steigen, ist ungebrochen. Natürlich gibt es die klassischen Finanzierungsprobleme bei Bauherren mit coronaspezifischem Berufshintergrund. Letztes Jahr war jedenfalls wieder ein Rekordjahr; auch in diesem Jahr erwarten wir allenfalls weiteres Wachstum. Beim Geschosswohnungsbau herrscht eine große Knappheit an baureifen Grundstücken. Aber diese Herausforderung begleitet uns ja schon seit Jahren. Das was da ist verkauft sich ratzfatz – sowohl bei Anlegern als auch bei Eigennutzern.“

Icon gewerbliche Bauvorhaben
Leiterin Einkauf bei einem großen mittelständischem GU und Projektentwickler mit Schwerpunkt im gewerblichen Bereich

Zu gewerblichen Bauprojekten: „Wir erhalten als GU unsere Aufträge von externen als auch internen Auftraggebern wie eigenen Projektgesellschaften und merken kaum Auftragseinbrüche; diverse Zurückstellungen im Büro- und Hotelsektor – aber alles soll mit nur relativ kurzem Aufschub noch 2021 begonnen werden. Die Entscheider rechnen fest damit, dass der vor Corona schon bestehende Bedarf nicht verschwunden ist, sondern nur aufgeschoben. Auch auf dem Büroflächenmarkt wird es nur zu eher geringfügigem Nachfragerückgang kommen, da die Erkenntnis reift, dass Homeoffice zwar übergangsweise eine Menge kompensieren kann, dem Unternehmen langfristig aber eher schadet. ...“

Icon öffentliche Gebäude
Leiterin Einkauf bei einem großen mittelständischem GU und Projektentwickler mit Schwerpunkt im gewerblichen Bereich

Zum öffentlichen Baugeschehen: „... machen wir in unserem Verantwortungsbereich gar nicht. Allerdings weiß ich aus anderen Unternehmensbereichen, die an öffentlichen Ausschreibungsverfahren teilnehmen, dass die öffentlichen Bauherren – ohne Berücksichtigung mittelfristiger Projektierungen – schon mit den aktuellen Projekten wie Schulsanierungen oder Kita-Ausbau mit den Ausschreibungen kaum hinterher kommen … also auch hier liegt man seitens der Unternehmen weit weg von einer Auftragskrise.“

Icon Wohnungsbau
Leiterin Einkauf bei einem großen mittelständischem GU und Projektentwickler mit Schwerpunkt im gewerblichen Bereich

Zum Wohnungsbau: „... machen wir eher peripher. Aber hier läuft alles komplett durch – kein Wunder bei dem schon seit Jahren bestehenden Nachfrageüberhang.“

Icon negative Entwicklung
Leiterin Einkauf bei einem großen mittelständischem GU und Projektentwickler mit Schwerpunkt im gewerblichen Bereich

Auf die Frage, ob eine von den Verbandsoberen oftmals beschworene „nachgelagerte“ Krise kommen wird: „Natürlich können sich Probleme in anderen Wirtschaftszweigen mit einer gewissen Verzögerung auch auf die Bautätigkeit auswirken. Das erfordert aber das Vorliegen eines konjunkturbedingten Rückgangs des Nachfrageverhaltens … davon ist aber nicht auszugehen. Corona hat den Bedarf ja nicht grundsätzlich verschwinden lassen …“

Icon gewerbliche Bauvorhaben
Inhaber eines auftragsstarken Projektsteuerungsunternehmens mit Schwerpunkt im Gewerbebau

Zu gewerblichen Bauprojekten: „… ja ok, zwei bis drei Dinger sind jetzt ein Stück weit vorhergeschoben worden. Aber die kommen auf alle Fälle, denn der grundsätzliche Bedarf nach Mobilität bleibt ja ungebrochen …“

Icon öffentliche Gebäude
Pressesprecherin einer mittleren Großstadt in Norddeutschland

Zu öffentlichen Baumaßnahmen: „Wir registrieren bisher mit Ausnahme einiger Stundungsanträge so gut wie keine Steuerausfälle. Die geplanten Bauvorhaben werden allesamt komplett durchfinanziert und umgesetzt. Wir sind derzeit in einer richtigen Hochphase der Multiprojektplanung. Im Rahmen der Städtebauförderung realisieren wir in diesem Jahr unter anderem allein ein komplettes Veranstaltungszentrum, zwei Schulen und eine Opernbühne. Gerade weil die Attraktivität der Innenstadt möglicherweise nicht mehr vorrangig durch das Einkaufserlebnis getrieben wird, ist es umso notwendiger für die Leute andere alternative Angebote bereitzustellen.“

Icon Wohnungsbau
Projektleiterin einer großen Projektentwicklungs- und Baumanagementgesellschaft

Zum Wohnungs- und Gewerbebau: „… wir kaufen weiter die Grundstücke und die Leute kaufen weiter die Wohnungen. Das Gleiche gilt auch im Gewerbebau, wenn auch unser Schwerpunkt auf Geschosswohnungsbau liegt. Die Projekte, die aktuell in der Umsetzung sind, laufen ohne große Verzögerungen. Die Branche hat sich auf das Virus – so scheint‘s – eingestellt.“

Leiter Planungsabteilung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft einer mittleren Großstadt im Südwesten Deutschlands

Zum Wohnungsbau: „Wir haben hier bei den Mietzahlungen wider Erwarten kaum Einbrüche; insofern auch keinerlei Investitionshemmnisse. Obwohl wir eine städtische Wohnungsbaugesellschaft und daher auch eher dem geförderten Wohnungsbau verbunden sind – unsere Mieten liegen ca. 30 Prozent unter dem örtlichen Mietspiegel – bauen wir mehr denn je. Das Auftragsvolumen ist in 2020 gewachsen, nicht gefallen. Wir haben sogar noch den Bau diverser Kindergärten mit übernommen und weitere Kolleginnen und Kollegen eingestellt.“

Leiter Einkauf eines europaweit agierenden Bau- und Projektentwicklungskonzerns

Zu gewerblichen Bauprojekten: „Uns hat Corona in 2020 schon sehr stark getroffen; wir waren Anfang 2020 mit einem sehr guten Auftragseingang noch sehr zuversichtlich, dann kam Corona und damit die Auftragsstornierungen bzw. -aufschiebungen, sodass wir 2020 unsere Umsatzziele bei weitem verfehlt haben. ... Das erste Quartal 2021 sieht allerdings wieder sehr gut aus. Die sich aus dem Vorjahr verzögerten Projekte kommen jetzt zum Tragen. Auch für die weiteren Quartale sieht es gut aus. Teilweise können wir über den Wohnungsbau kompensieren, da der Automobil- und der Büroflächenbereich nach wie vor sehr stark schwächeln.“

Leiter Einkauf eines europaweit agierenden Bau- und Projektentwicklungskonzerns

Zum Bedarf von Büroflächen: „Wir haben früher alle Verhandlungen vis-a-vis geführt. Jetzt läuft alles zu 100 Prozent über MS-Teams. Das ist natürlich nicht dasselbe und wir alle wünschen uns wieder den persönlichen Kontakt, gerade bei Preisverhandlungen. Aber es wird auch nach Corona was bleiben, vor allem wenn die Wegstrecken – Zeit ist Geld – zu groß sind, wird man auf digitale Medien zurückgreifen, weil es hat ja funktioniert. … Auch das Homeoffice wird ein Stück weit bleiben. Wenn auch nicht in dem Umfang wie jetzt, aber Loslösungsprozesse der Mitarbeiter vom Unternehmen sind ein auf Dauer nicht hinzunehmender Nebeneffekt. Unsere für die weitere Zukunft beschlossene Homeoffice Regelung sieht daher auch nur einen Tag Homeoffice in der Woche vor. … Daher auch hier meine Einschätzung, es wird was bleiben. Sprich: Der Büroflächenbedarf wird sich erholen aber nicht mehr einen solchen Umfang wie vor Corona haben. … Ein weiterer Aspekt ist die lange Mietbindung im Büromarkt über fünf, zehn, 20 Jahre; vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung will sich niemand so lange binden. Die Investoren müssen aber mindestens 50 Prozent vermietet haben, bevor die Bank grünes Licht gibt. Es wird also nicht einfacher. Dieses Problem begleitete uns 2020 bei mehreren Büroprojekten. … Ähnliches gilt für den Hotelbau, da auch hier die Betreiber vor langen Bindungszeiten zurückschrecken. …“

Leiter Einkauf eines europaweit agierenden Bau- und Projektentwicklungskonzerns

Zur nachgelagerten Krise in der Bauwirtschaft: „... Ja, ich glaube, dass es dazu im Laufe 2022 kommen wird, weil in 2021 die aufgeschobenen Projekte aus 2020 die Auftragsbücher füllen. Aber danach werden sich die Lücken – zumindest ein Stück weit im gewerblichen Bereich auftun. …“


Informationen als PDF zum Herunterladen

Laden Sie sich die ibau Sentiment Analyse von Januar 2021 hier als praktisches PDF herunter.

Was ist die ibau Sentiment Analyse und wie sind die Ergebnisse zu bewerten?

Die ibau Sentiment Analyse gibt das aktuelle Stimmungsbild von Entscheidungsträgern und Machern der Baubranche wieder. Basierend auf den Aussagen von Investoren, Projektsteuerern, Planern, Generalunternehmern, Vergabestellen, Architekten und Bauträgern bewerten wir die aktuelle Situation, um frühzeitig Entwicklungstendenzen für alle Beteiligten der Bauwirtschaft aufzuzeigen.

Ausgelöst durch Corona hat sich gezeigt, dass sich das Stimmungsbild der Verantwortlichen der Baubranche schnell und tiefgreifend ändern kann. Mit der ibau Stimmungsanalyse halten wir Sie über interessante und relevante Entwicklungen in der Bauwirtschaft auf dem Laufenden.

Wie gehen wir vor?

Die ibau Sentiment Analyse beruht auf drei Faktoren:

  1. Die Prognose basiert auf der Befragung unserer langjährigen Partner in der Bauindustrie sowie der statistischen Auswertung von Trends der von uns erfassten Bauprojekte. Die Kombination dieser Informationen mit unserer umfangreichen Datenbasis vergangener Jahre ermöglicht es uns zukünftige Entwicklungen zu skizzieren.
  2. Es erfolgt eine qualitative Bewertung von über 1.000 Gesprächen mit den oberhalb genannten Ansprechpartnern wie Projektverantwortliche, Investoren, Bauträger, Planer und Architekten.
  3. Basierend auf 30 Schwerpunktinterviews mit ausgewählten Zielgruppen arbeiten wir die zum Teil unterschiedlichen Sichtweisen gesondert heraus. So lassen sich aktuelle Entwicklungen aus verschiedenen Perspektiven oder aus Sicht einer definierten Zielgruppe beleuchten.

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ibau Redaktion

Auf Basis der Erfahrung von über 60 Jahren täglicher Recherche und Analyse von Ausschreibungen und Vergaben im öffentlichen und gewerblichen Sektor veröffentlicht die ibau Redaktion Ratgeber-Inhalte um Sie über verschiedene Fragen und Problemstellungen rund um Ausschreibungen und Vergaben aufzuklären.