Hochwasser: Ein Winter ohne Heizung

Während die meisten Menschen die Schreckensbilder aus den überfluteten Regionen kaum noch präsent haben, schauen die Opfer mit Sorge auf die nahende kalte Jahreszeit.

Das Hochwasser in Deutschland hat verheerende Folgen für den Winter © Mpix-Foto / stock.adobe.com

Zahlreiche Menschen stehen vor der Frage, wie sie im Winter ihr Zuhause heizen sollen. Betroffen sind vor allem Gebäude, in denen nur die Untergeschosse von der Flut betroffen sind und die oberen Etagen noch bewohnt werden. Aber auch bei einigen Häusern, die nicht vollgelaufen waren, ist noch unsicher, wie die Versorgung mit Wärme sichergestellt werden soll. Dabei stehen die Menschen vor zahlreichen Hürden. Die Gasversorgung an der Ahr ist in großen Teilen noch nicht wieder möglich, Heizöltanks sind zerstört ebenso wie Heizungsgeräte, die in der Eile auch nicht ersetzt werden können.

133 Kilometer Erdgasleitungen und 16 Ahr-Überquerungen sind zerstört

Nach Angaben der Energieversorgung Mittelrhein (EVM) wurden im Ahrtal 133 Kilometer Erdgasleitungen und mehr als 7000 Netzanschlüsse sowie zahlreiche Gasdruckregel- und Messanlagen durch das Hochwasser beschädigt oder komplett zerstört. Besonders problematisch ist jedoch, dass 16 Ahr-Überquerungen zerstört sind, weswegen zwei neue provisorische Rohre unter der Ahr verlegt werden müssen. Die Erdgas-Infrastruktur muss im Ahrtal in vielen Teilen komplett neu aufgebaut werden. Insbesondere in den Regionen nördlich der Ahr wird die Gasversorgung frühestens Ende des Jahres, eventuell aber erst im Frühjahr wieder hergestellt werden können. Viele Ortschaften oberhalb von Ahrweiler waren schon vor der Flut nicht ans Gasnetz angeschlossen. Die Häuser in Ortschaften wie Dernau, Altenahr, Ahrbrück oder Schuld hatten in der Regel Gas- oder Heizöltanks, die in der Flut zerstört oder weggespült wurden. Wieder andere hatte ihre Heizungsgeräte im Keller stehen und sie wurden durch die Flut irreparabel zerstört. In den Haushalten, in denen Heizungen komplett ersetzt werden müssen, wollen viele Eigentümer auf nachhaltige und klimafreundliche Lösungen setzen. Nach den Erfahrungen, die viele Anwohner im Rahmen der Flut mit ihren Ölheizungen gemacht haben, fällt das Interesse an einer neuen Ölheizung vermutlich grundsätzlich gering aus. Zudem tragen die seit Januar 2021 erhobenen und stetig steigenden CO2-Preise zu einer Verteuerung fossiler Heizsysteme bei und machen das Heizen mit ihnen noch unattraktiver. Aber der Einbau von Heizungen kann nicht von heute auf morgen bewerkstelligt werden. In vielen Häusern können keine Heizsysteme eingebaut werden, weil der Trocknungsprozess zu lange dauert oder bauliche Schäden, wie kaputte oder fehlende Fensterscheiben vor dem Einbau einer neuen Heizung behoben werden müssen. Auch die Dämmung eines Gebäudes sollte vorher wieder hergestellt werden und es ist notwendig, den Heizbedarf zu ermitteln. Auch wissen viele noch gar nicht, welches Heizsystem sie in Zukunft nutzen wollen. Besonders beliebt sind Pelletheizungen und Wärmepumpen, doch die Lieferengpässe sind auch in diesem Bereich zu spüren. Um den betroffenen Menschen zu helfen, hat die Heizungsindustrie zugesagt, die Kapazitäten zu erhöhen und die betroffenen Flutregionen prioritär zu beliefern. Auch das Handwerk will die Flutopfer bevorzugt behandeln. Dennoch wird es nicht möglich sein, alle Haushalte vor dem Herbst oder Winter zu versorgen. Deswegen sind Übergangslösungen nötig.

Viele Haushalte müssen mit Übergangslösungen überwintern

Die Energieagentur Rheinland-Pfalz arbeitet im Ahrtal mit Hochdruck daran, den Menschen zu helfen. Bis Anfang September wurde eine Analyse zu möglichen Kurzfrist- und Übergangslösungen durchgeführt. Dazu wurden die Schadenssituation, die Möglichkeiten im Gebäude sowie der individuelle Bedarf erfasst und bewertet. Die Verbraucherzentrale sowie zertifizierte Energieberater informieren zu Fördermöglichkeiten und deren Beantragung. Da nicht für alle Haushalte rechtzeitig eine Lösung umsetzbar sein wird, ist die Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz mit der Koordination von temporärem Wohnraum beauftragt. „Unsere oberste Prämisse ist, dass so viele Betroffene wie möglich den anstehenden Winter warm in der eigenen Wohnung verbringen können. Beim Wiederaufbau werden wir neben dem verbesserten Hochwasserschutz auch die Energieeffizienz und die Nutzung Erneuerbarer Energien berücksichtigen“, sagt Michael Hauer, Geschäftsführer der Energieagentur Rheinland-Pfalz. „Die Menschen erhalten so die Möglichkeit, ihre Gebäude und Heizungen zukunftsfähig zu gestalten, langfristig Kosten zu sparen und aktiv einen Klimaschutzbeitrag zu leisten. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der massiven Umweltverschmutzungen ist von Ölheizungen wo immer möglich abzusehen.“

Mögliche Übergangsheizungen:

Einzelöfen: Manuell beschickte Einzelöfen, etwa Kaminöfen oder Gasöfen, können zur Beheizung einzelner Räume oder kleiner Wohnungen genutzt werden. Voraussetzung dafür ist ein geprüftes Abgassystem. Auf diese Weise kann der Wohnraum beheizt werden, allerdings bleibt das Problem des fehlenden warmen Wasser bestehen.

Elektro- und Infrarotheizungen: Es gibt zwei Arten an Geräten, die mit elektrischem Strom Wärme erzeugen. Stromdirektheizungen geben die erzeugte Wärme direkt an die Umgebung ab, Stromspeicherheizungen geben sie nach und nach ab. Beide Heizungsarten sind geeignet für selten genutzte und ideal gedämmte Räume, sie sind in der Anschaffung günstig, verbrauchen allerdings viel Strom. Die Ahrtal-Werke konnten Ende August zwar die vollständige Versorgung der Bevölkerung mit Strom wieder herstellen, allerdings sind in vielen Gebäuden die Sicherungskästen kaputt und die Frage bleibt, ob die Stromversorgung ausreicht, wenn das ganze Ahrtal den Winter über mit Strom heizt und die Trockengeräte Tag und Nacht laufen.

Mobile Heizzentralen: Sie können einzelne Verbraucher oder ganze Wohnquartiere mit Wärme verzogen. Voraussetzung ist ein zentraler Standort für die mobile Heizzentrale, was in vielen der kleinen und engen Weinorte an der Ahr nicht gegeben ist. Zudem müssen die Verbraucher über ein Schlauch-/Rohrsystem eingebunden werden können und die Brennstoffversorgung muss gegeben sein, was auch in vielen Orten vor dem Frühjahr nicht der Fall ist.
Wenn die Versorgung mit Erdgas nicht gegeben ist, können Erdgasheizungen übergangsweise auf den Betrieb mit Flüssiggas umgerüstet werden. Dazu muss ein geeigneter Raum zur Lagerung des Flüssiggases vorhanden sein.

Hochwasserhilfe der KfW

Da viele Menschen beim Einbau einer Heizung auf Energieeffizienz und Umweltschutz achten wollen, kommen für sie auch Förderungen, etwa durch die KfW in Frage. Doch einige Bedingungen, die normalerweise erfüllt werden müssen um Förderungen zu erhalten, sind in dieser Extremsituation nicht erfüllbar. Aus diesem Grund gibt es einige Ausnahmeregelungen für von der Flut betroffene Gebäude. Anders als sonst kann ein Förderantrag auch nach Beginn des Vorhabens gestellt werden. Betroffene Eigentümer müssen demnach nicht auf die Zusage der KfW warten, bis sie mit dem Wiederaufbau beginnen können. Für Haushalte, die in den letzten Jahren eine Förderung erhalten haben, wird die Sperrfrist der Vorgängerprogramme der Bundesförderung für effiziente Gebäude ausgesetzt. Zudem stellt die KfW klar, dass die Förderung zusätzlich zu anderen öffentlichen Mitteln zur Bekämpfung der Flutschäden ausgezahlt wird. Allerdings dürfen hierbei 80 Prozent der förderfähigen Kosten nicht überschritten werden. In Härtefällen bis zu 100 Prozent.

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Hannah Simons

Hannah Simons ist seit 2020 für die ibau GmbH tätig. Als Redakteurin recherchiert und verfasst sie Artikel für den News-Bereich und das Glossar. Dabei verfolgt sie das Ziel komplexe Inhalte einfach und gut verständlich aufzubereiten.