Handwerksbetriebe nach der Flut

Die Flut hat auch zahlreiche Geschäftsgebäude zerstört. Zwei Malermeister, die Ähnliches erlebt haben, berichten, wie sie mit den Folgen der Katastrophe umgegangen sind.

Handwerksbetriebe nach der Flut © Ferkelraggae / stock.adobe.com

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Zahlreiche Menschen haben bei der Flut im Westen Deutschlands ihr Leben verloren und Tausende stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Die Menschen sind dabei, Trümmer zu beseitigen und überlegen, wie sie ihr Leben weiter leben sollen. Neben Wohngebäuden sind auch viele Firmengebäude teilweise oder vollständig zerstört worden. Soll man noch da bleiben, wo man dieses Unglück überlebt hat, obwohl man nichts mehr hat, oder fängt man lieber woanders neu an? Die Malermeister Gerhard Lallinger und Ulrich Stein haben in der Vergangenheit ähnliche Situationen erlebt und sich dazu entschieden, ihre Unternehmen wieder aufzubauen. Ihre Unternehmen wurden 2013 und 2016 zerstört. In den letzten Jahren konnten sie viele Erfahrungen sammeln, was den Wiederaufbau betrifft, die Finanzierung und den persönlichen Umgang mit der Katastrophe.

Alles genau dokumentieren und gründlich vergleichen

Malermeister Gerhard Lallinger aus dem niederbayerischen Deggendorf wurde beim Hochwasser im Jahr 2013 gleich doppelt getroffen. Das Wohngebäude war komplett zerstört sowie sein Betrieb samt Inventar und Fahrzeugen. „Wir haben damals nicht einmal mehr einen Kugelschreiber gehabt“, erinnert er sich. Um eine Elementarschutzversicherung hatte er sich zuvor vergeblich bemüht, der Gesamtschaden lag bei rund 2,4 Millionen Euro. "Wir haben zunächst 5.000 Euro Soforthilfe bekommen", so Lallinger. "Es wusste aber keiner genau, wie es weitergeht, weil es vorher keine vergleichbare Situation in Deutschland gegeben hatte". Die 30 Mitarbeiter halfen, die Geschäftsräume auszuräumen und es wurde geschaut, was man noch retten konnte. Die Maschinen brachte Lallinger zur Reparatur, doch nach kurzer Zeit waren sie wieder kaputt. Auch die Gerüste wollte man weiter verwenden, doch sie fingen zeitnah an zu rosten. "Ich kann deshalb jedem nur raten, alles, was unter Wasser stand, wegzuschmeißen und sich Maschinen und Materialien neu anzuschaffen", sagt der Unternehmer. Zudem solle man die Betriebsgebäude gründlich von einem Experten auf schädliche Rückstände untersuchen lassen. "Wir hatten das Problem, dass sehr viel Heizöl ausgetreten ist und das Mauerwerk verseucht hatte. Hätten wir unsere Mitarbeiter wieder in unsere Räume geschickt, wäre ich als Chef dafür verantwortlich gewesen, wenn sie krank geworden wären." Deswegen ließ er auch das Gebäude komplett abreißen und nahmen öffentliche Fördergelder in Anspruch, um die Kosten zu stemmen. Trotz der chaotischen Umstände sollte man sich die Zeit nehmen und Angebote einholen, beziehungsweise Kredite gründlich vergleichen, empfiehlt er. "Ich rate auch jedem Betrieb dazu, eine Schadensaufstellung zu machen. Was brauche ich und was kosten mich diese Investitionen? Und auch wenn es traurig ist, sollte man Fotos von den Schäden machen und diese genau dokumentieren. Das ist wichtig, denn in Deutschland muss alles genau nachgewiesen werden." Schlussendlich musste Lallinger nur 20 Prozent der Schadenssumme selbst tragen. Doch nicht nur finanziell war die Zerstörung eine Belastung. Der Wiederaufbau zog sich über acht Jahre und nebenbei musste weiter gearbeitet werden. In dieser Zeit hat er allerdings viele Kunden gewonnen, die aufgrund der Sanierungs- und Aufbauarbeiten Handwerker brauchten. Da die meisten Gelder im Rahmen von Hilfsprogrammen flossen, mussten die von ihm gestellten Rechnungen bei entsprechenden Stellen zur Prüfung eingereicht werden. "Hier rate ich Handwerkern, lieber viele kleine Rechnungen zu schreiben statt Rechnungen mit großen Summen, um nicht so lange auf die Auszahlung des Geldes warten zu müssen", sagt Lallinger.

Solidarität und Zusammenhalt

Die Werkstatt des Maler- und Lackierermeisters Ulrich Stein wurde nach den Unwettern in Niederbayern zerstört, als eine verheerende Flutwelle die Gemeinde Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall in Baden-Württemberg traf. Das eindringende Wasser zerstörte Maschinen und Materialien, Massen von Geröll wurden auf dem Platz vor den Betriebsräumen angespült und 14 Tage lang gab es weder Strom noch Wasser. "Wir hatten aber noch Glück", sagt Stein, der auch Kreishandwerksmeister ist. "Unser Büro im ersten Stock war nicht vom Wasser betroffen, sodass alle unsere Kundendateien erhalten geblieben sind". Auch die Fahrzeuge und ein zweiter Firmensitz wurden von der Flut nicht zerstört. "Deshalb konnten wir nach ein paar Tagen schon wieder die Arbeit aufnehmen". Stein hat damals gute Erfahrungen mit der Versicherung gemacht. Er hatte zuvor eine Betriebshaftpflichtversicherung abgeschlossen und wenige Tage nach der Katastrophe kam jemand persönlich in den Betrieb um den Schaden zu begutachten. „Sie haben mir noch an Ort und Stelle angeboten, mir 10.000 Euro auszuzahlen", so Stein. „Die Heizung musste neu gemacht werden. Ich habe Angebote bei der Versicherung eingereicht, wir haben einen Vergleich gefunden und die Summe war innerhalb von wenigen Wochen da. Ich habe im Umkreis aber auch Fälle erlebt, wo das nicht so reibungslos verlaufen ist." Da die Versicherung keine Elementarschäden für die Werkstatt übernahm, musste er rund 30.000 Euro selbst tragen. "Als Maler haben wir natürlich auch viel selbst gemacht, zum Beispiel das Gebäude von innen und außen gestrichen." Der Wiederaufbau der Stadt – Kanalisation, Telefon-, Stromleitungen und vieles mehr – hat die Menschen hier über Jahre begleitet und er geht davon aus, dass die Aufbauarbeiten in den aktuell betroffenen Regionen in NRW und Rheinland-Pfalz noch länger dauern werden. Auch wenn es in einer solchen Situation schwer ist, hat er einen wichtigen Rat an alle Betroffenen: "Man sollte das Gute aus der Situation mitnehmen. Das wollte zwar keiner, aber man bekommt eine neue Infrastruktur, ein neues Gebäude. Das kann man auch als Chance sehen, nicht wieder in den alten Trott zu verfallen und neu anzufangen." Handwerkern rät er aber auch, sich gut zu überlegen, wo sie ihren Betrieb wieder aufbauen: "Allgemein sollte sich die Gesellschaft fragen, ob es sinnvoll ist, Gebäude direkt an einem Fluss zu bauen." Grundsätzlich erinnern sich beide Handwerker mit Begeisterung an die Solidarität, die in dieser Zeit zum Ausdruck kamen: "Die Hilfe am Anfang war gigantisch. Handschuhe, Gummistiefel, Kinderspielzeuge, Geld und vieles mehr wurde gespendet. Ein Großteil davon wurde auch an die verteilt, die keine Versicherungen abgeschlossen hatten. Zudem haben Bund und Land einen Großteil der Kosten für die zerstörte öffentliche Infrastruktur übernommen", berichtet Stein. Auch Lallinger erinnert sich gerne an die Hilfsbereitschaft, insbesondere unter Handwerkskollegen, die ihm Geräte- und Materialspenden zukommen ließen.

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Hannah Simons

Hannah Simons ist seit 2020 für die ibau GmbH tätig. Als Redakteurin recherchiert und verfasst sie Artikel für den News-Bereich und das Glossar. Dabei verfolgt sie das Ziel komplexe Inhalte einfach und gut verständlich aufzubereiten.