Der Traum von den eigenen vier Wänden: Tiny Houses

Tiny Häuser (TH) erleben einen enormen Trend, denn sie sind nachhaltig, minimalistisch und günstig. Aber welche bürokratischen Hürden haben TH-Besitzer zu bewältigen?

Tiny Houses © PANORAMO / stock.adobe.com

Aus den USA herüber geschwappt, werden in Europa seit etwa fünf Jahren mehr und mehr der kleinen Häuschen gebaut. Für die meisten Besitzen waren vor allem die Aspekte der Nachhaltigkeit, der Unabhängigkeit und der Konzentration auf das Wesentliche maßgeblich für die Entscheidung für ein TH.
In den USA wird zwischen TH und TH auf Rädern, THOW, kurz für „Tiny House on Wheels“, unterschieden. Im Deutschen Sprachgebrauch werden vorrangig kleine Häuser auf Rädern als TH bezeichnet. Kleine, stationäre Häuser anderer Bauarten werden dagegen je nach Größe als „Mikrohaus“, „Minihaus“ oder „Kleinhaus“ bezeichnet. Vermarktet werden sie auch als „Singlehaus“. TH auf Rädern sind keine neue Erfindung. Bereits in den 1920 Jahren haben sich Tüftler die Aufgabe gestellt, die Mobilität des Autos mit der Behaglichkeit des eigenen Zuhauses zu verbinden. Dabei werden sie nicht als Alternative zum Wohnwagen verstanden. Es geht nicht darum, mit dem eigenen Bett auf Weltreise zu gehen, sondern darum, das eigene Budget nicht zu überschreiten oder persönlichen Idealen, wie (finanzieller) Unabhängigkeit oder Nachhaltigkeit näher zu kommen.

Warum ein Tiny House?

Kurz und knapp: Die meisten TH-Besitzer verwirklichen mit dem TH ihren Wunsch minimalistisch, nachhaltig und autark zu leben. Auf YouTube erzählt der ehemalige Hauptstadt-Bewohner Max Green unter anderem von den finanziellen Vorteilen eines Tiny Houses. Im TH lebt er unabhängig von hohen Mieten und Wohnungsmangel. Schon der Gedanke, mietfrei zu leben, bedeutet für ihr Freiheit und ein Einfamilienhaus mit einem großen Grundstück, war nicht möglich. Auch die laufenden Kosten sind durch den geringeren Wohnraum stark reduziert.Anja und Ilan vom YouTube-Kanal The Tiny Difference erklären, dass sie sich mithilfe des Tiny Houses auf das Wesentliche konzentrieren und ihr Leben so vereinfachen wollen. Hinter dieser Aussage steht der Gedanke des Minimalismus, also die Feststellung, dass jedes Ding, dass man besitzt, Zeit stiehlt. Alle Besitztümer müssen genutzt, gepflegt, geordnet werden und nehmen somit Zeit in Anspruch, die man viel besser nutzen könnte. Im TH hat man nicht den Platz für unzählige Besitztümer und auch der Wohnungsputz ist in kürzester Zeit erledigt.
„Das Tiny House-Lebensgefühl bedeutet einfach mit weniger mehr haben – und das war für mich mega wichtig”, erklärt auch Max Green. Der Gedanke des Minimalismus verschmilzt auch unmittelbar mit den Ambitionen nachhaltiger zu leben. Aufgrund der geringen Wohnfläche sinkt der Bedarf an Strom, Wasser und Wärme signifikant. “Denn Ressourcen einsparen ist gerade bei unserer heutigen Lebensweise ein wichtiger Faktor“, so Max Green. Oft werden TH mit Photovoltaikanlagen und Regenwasser-Systemen verbunden, sodass die Besitzer unabhängig von Strom- und Wasseranbietern sind. Max Green hat auch über die Nutzungsphase seines TH hinaus gedacht und fast ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen gebaut. Die Unabhängigkeit von Strom- und Wasseranbietern bedeutet für viele TH-Eigentümer bereits Freiheit, doch das TH ermöglicht noch ganz andere Freiheiten: „Du kannst von heute auf morgen neu entscheiden, wo Du arbeiten und leben möchtest“, so Max Green.

Planung eines Tiny House

Die Planung eines TH ist meist aufwändiger als bei einem normal großen Haus. Da nur wenig Platz zur Verfügung steht muss dieser effektiv genutzt werden. Deswegen werden unter Treppenabsätzen Schubladen montiert und das Bett befindet sich meist auf einer Art Mini-Galerie, auf die man krabbeln muss. In Deutschland gibt es mittlerweile 75 Anbieter von TH und diese in zwei bis drei Monaten im Fertigbauverfahren errichten. Dabei sollte man eine Budget zwischen 30.000 und 190.000 Euro einplanen. Doch viele Tiny-House-Eigentümer entscheiden sich dazu, ihr Haus selber zu bauen und so direkten Einfluss darauf zu haben, welche Ressourcen genutzt werden. Das ist selbstverständlich mit deutlich mehr Aufwand verbunden, ist aber zumeist noch etwas günstiger. Da die Tiny Houses insbesondere bei der jungen Generation, die mit sozialen Medien aufgewachsen ist, beliebt sind, finden sich auf YouTube auch zahlreiche Videos, mit denen man Menschen beim Bau eines TH verfolgen kann. Auch Anja und Ilan von The Tiny Difference protokollieren den Entstehungsprozess ihres TH per Video. Beide hatten vor dem Bau ihres TH keinerlei handwerkliche Erfahrung und mussten sich intensiv in das Thema einarbeiten, sich über die Vor- und Nachteile verschiedener Baustoffe sowie die geltenden Vorschriften informieren. Damit die Planung etwas leichter wird, finden sich insbesondere im englischsprachigen Raum verschiedene Anbieter für Baupläne von TH. Baupläne können in der Printversion oder in der digitalen Version zum Download erworben werden. Verbreitet sind auch Sketchup-Dateien, die eine dreidimensionale Rundumsicht ermöglichen. Bei diesen Dateien können in der Regel auch Änderungen vorgenommen werden, um das Tiny House den eigenen Wünschen und Bedürfnissen anzupassen. Aktuell wird davon ausgegangen, dass jährlich rund 500 TH in Deutschland fertiggestellt werden. Seit 2019 sind einige der deutschen TH-Anbieter zu einem Verband organisiert, dieser schätzt, dass rund 58.000 Deutsche prinzipiell an der neuen Wohnart interessiert sind, aber nur die Hälfte kann sich vorstellen, dauerhaft in einem Tiny-House zu leben

Rechtliche Hürden

Die ersten Schritte


Tiny Häuser gelten für viele Bevölkerungsgruppen als Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit. Doch damit sie auch frei und unabhängig machen und nicht im Dickicht der Bürokratie hängen bleiben, ist eine Kenntnis der Rechtslage unverzichtbar. Da der Begriff TH im Deutsch Sprachraum fast ausschließlich für kleine Häuser auf Rädern verwendet wird, wird sich die folgende Erläuterung auf diesen Bereich konzentrieren. Wenn das TH zum Hauptwohnsitz werden soll, handelt es sich um ein Bauvorhaben und es gelten die Bestimmungen des deutschen Baugesetzbuches (BauBG), die Landesordnungen des jeweiligen Bundeslandes (LBO), der Flächennutzungsplan, gegebenenfalls ein Bebauungsplan und eine Ortsgestaltungssatzung. Egal wie klein ein Gebäude werden soll, wenn es zu Wohnzwecken dienen soll gilt es als erstes eine Baugenehmigung zu beantragen. Da das Planungsrecht Ländersache ist wird dies in den einzelnen Ländern unterschiedlich geregelt, weshalb die entsprechende Landesbauordnung (LBO) und auch Bebauungspläne und Ortsgestaltungssatzungen beachtet werden müssen. Egal ob ein TH Räder hat oder nicht, es gilt explizit als Gebäude, nicht als Wohnwagen, als „Fahrzeuganhänger mit gebäudegleicher Wirkung“ oder „bauliche Anlage“.


Wo soll das TH stehen?


Bei der Frage, wo das TH stehen soll, muss ein Blick auf den Flächennutzungsplan geworfen werden. Im Außenbereich geht zumeist gar nicht (BauGB § 35). Im Innenbereich muss man ein erschlossenes Grundstück in einem Wohn- oder Mischgebiet finden. Auch wenn das TH komplett autark funktionieren sollte, ist der Anschluss an das öffentliche Netz in aller Regel eine der Voraussetzungen für die Genehmigung des Baus eines Wohngebäudes. Insofern das betreffende Gebiet beplant ist, muss das Bauvorhaben mit dem Bebauungsplan und gegebenenfalls der Ortsgestaltungssatzung konform sein. Zudem muss ein Gebäude optisch zu seiner Umgebung passen. Wer nicht auf dem eigenen Grund und Boden wohnen möchte, denkt vermutlich über das Pachten eines Dauerstellplatzes auf dem Campingplatz nach. Aus melderechtlicher Sicht bestehen hiergegen keine Einwände, allerdings sind Campingplätze, auf denen nach dem Bauplanungsrecht dauerhaft gewohnt werden kann, extrem rar. Auch berichten mehrere TH-Eigentümer, die auf dem Campingplatz leben und noch im Berufsleben stehen, dass die Campingplatz-Adresse auf dem Bewerbungsschreiben einen ungünstigen Eindruck hinterlassen habe, weshalb sich in diesen Fällen eher die Anmeldung als Zweitwohnsitz anbiete.


Umweltauflagen


Die Deutsche Energieeinsparverordnung verlangt einen Energiebedarfsausweis bei der Errichtung, Änderung oder Erweiterung von Gebäuden. Tiny Häuser sind, da sie nicht über 50 Quadratmeter groß sind, nach § 8 EnEV 2014 von dieser Pflicht ausgenommen. Die In Anlage 3 zu §§ 8 und ) EnEC 2014 aufgeführten Wärmeschutz-Anforderungen an die Außenhülle sind dennoch zu erfüllen. Für Minihäuser ist zudem das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEWärmeG 2011) zu beachten, das bestimmt, dass die benötigte Energie zum Heizen, für das Warmwasser und zum Kühlen teilweise aus erneuerbaren Energien gedeckt werden muss. Auch diese Regelung gilt nur für Gebäude mit mehr als 50 Quadratmetern. Da die meisten TH-Eigentümer sich aus ökologischen Gründen für diese Wohnform entscheiden, werden die in diesen Gesetzen geregelten Mindestanforderungen meistens vermutlich mehr als erfüllt.


Mit dem TH auf der Straße unterwegs


Für die Besitzer von THOW ist nicht nur das Baurecht sondern auch die Straßenverkehrsordnung von Interesse. Diese begrenzt beispielsweise die Maße eines Anhängers ohne Sonderzulassung auf Rädern auf 2,55 Meter Breite, 4 Meter Höhe und 3,5 Tonnen Gewicht. Zudem lassen sich Längen über sieben Meter nicht wirklich bequem durch das Deutsche Straßennetz und die Nachbarstaaten bewegen, deswegen wird man auch kaum Tiny-Houses finden, die diese Maße überschreiten – es sei denn ein besonders enthusiastischer Tiny-House-Besitzer bemüht sich um eine Sonderzulassung. Deswegen haben Tiny-Houses selten mehr als 15 qm Wohnfläche. Zudem müssen die Fenster aus Sicherheitsglas sein und das Haus muss regelmäßig dem TÜV vorgeführt werden.

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Hannah Simons

Hannah Simons ist seit 2020 für die ibau GmbH tätig. Als Redakteurin recherchiert und verfasst sie Artikel für den News-Bereich und das Glossar. Dabei verfolgt sie das Ziel komplexe Inhalte einfach und gut verständlich aufzubereiten.