Cradle-to-Cradle: Wie die Mantelverordnung in weite Ferne rückt

Während der Streit um die Mantelverordnung wieder von vorne zu beginnen scheint, werden immer mehr innovative Ideen umgesetzt, die die Kreislaufwirtschaft fördern.

Cradle-to-Cradle © Daniel Ernst / stock.adobe.com

Jährlich fallen in Deutschland 228,1 Millionen Tonnen Bauabfälle an, das sind 54,7 Prozent des Brutto-Abfallaufkommens. Auch wenn eine Recyclingrate von 88 Prozent erstmal sehr hoch klingt, landen immer noch über 50 Tonnen Bauschutt pro Jahr auf den Deponien Deutschlands, auf denen der Platz immer enger wird. Deswegen ist ein Umdenken dringend nötig, um den Herausforderungen zu begegnen, die in den Bereichen Klima, Rohstoffe und Energie zu bewältigen sind. Ende der 1990er Jahre haben der deutsche Chemiker Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William McDonough einen Ansatz entwickelt, der für eine durchgängige und konsequente Kreislaufwirtschaft steht: Cradle to Cradle – von Wiege zu Wiege. Demnach sollen Produkte kontinuierlich in einem Kreislauf gehalten werden, ohne irgendwann im Müll zu landen. Ressourcenschonendes Wirtschaften spielt eine immer wichtigere Rolle, deswegen arbeiten Politik und Industrie an diversen Ansätzen, um im Idealfall dafür zu sorgen, dass die Bauwirtschaft überhaupt keinen Müll mehr produziert.

Der ewige Streit um die Mantelverordnung

Momentan ist in Deutschland nicht einheitlich geregelt, was mit den über 50 Tonnen Bauschutt passiert, die nicht recycelt werden und wie hoch die Schadstoffbelastung der recycelten Abfälle sein darf. Deswegen ringen Branchenverbände und Politik seit 15 Jahren um eine Mantelverordnung, die einen rechtsverbindlichen Rahmen für die Wiederverwertung von Bauschutt schaffen soll. Den Kern des Regelungsvorhabens bildet die Einführung einer Ersatzbaustoffverordnung und die Neufassung der Bundes-Bodenschutz- und Altlastenverordnung. Zudem werden die Deponieverordnung und die Gewerbeabfallverordnung geändert. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit schreibt, dass das Ziel der Mantelverordnung sei, „in ihren jeweiligen Regelungsbereichen unter Berücksichtigung des aktuellen Stands der wissenschaftlichen Erkenntnisse, bundeseinheitliche und rechtsverbindliche Anforderungen an den Schutz von Boden und Grundwasser festzulegen. Zudem sollen mit der Ersatzbaustoffverordnung die Ziele der Kreislaufwirtschaft gefördert und die Akzeptanz für den Einsatz von Ersatzbaustoffen verbessert werden.“
Die Mantelverordnung ist Teil des Koalitionsvertrags und sollte deswegen noch innerhalb dieser Legislaturperiode verabschiedet werden. Lange sah es auch so aus, als wäre die Verordnung auf der Zielgeraden: Im November 2020 stimmte der Bundesrat einem Entwurf zu, der eine bundeseinheitliche Ersatzbauverordnung und Auflagen für den Bodenschutz vorsieht. Es fehlte also nur noch die Zustimmung des Bundeskabinetts, sodass die Verordnung fast durch zu sein schien. Doch hier schien sie nun auf den letzten Metern zu scheitern: Horst Seehofer (CSU), Bundesinnen- und -bauminister verweigert seine Zustimmung. In einem Schreiben an Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) erklärt er, es hätten sich „Änderungen ergeben“, durch die „negative Auswirkungen – unter anderem auf die Bezahlbarkeit des Bauens – zu erwarten“ seien, weswegen er Nachbesserungsbedarf sehe. Kritiker argwöhnen, dass er sich wohl eher vor der bayrischen Bauwirtschaft fürchte. Dennoch reagierten Unternehmen und Verbände verärgert und sogar der CDU-Wirtschaftsrat warnt vor einer Blockade durch das Bauministerium.
Doch Svenja Schulze gibt sich unter Seehofers Veto nicht geschlagen, zähneknirschend erwähnt sie eine Ausnahmeregelung für Bayern. In einem Interview mit dem „Spiegel“ erklärte sie, sie werde „unter Absingen schmutziger Lieder eine Sonderregelung für die Bayern vorschlagen, damit es für alle anderen vorangeht.” Ihr Plan ist, dass Bayern schließlich nachziehen muss, da der Druck auf die Industrie durch die neue Verordnung steigt. Doch Seehofer ist nicht der einzige, der sich mit der Regelung nicht anfreunden kann: Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB), der größte Branchenverband der deutschen Bauwirtschaft, befürwortet grundsätzlich eine einheitliche Regelung, aber: „Die Verordnung wird in der jetzigen Fassung ihren selbstgesteckten Zielen nicht gerecht“, warnt ZDB-Vizepräsident Wolfgang Schubert-Raab. Er befürchtet, dass die Recycling-Quote durch die neuen Umweltregelungen sogar sinken wird. Auch den Befürwortern ist bewusst, dass die Kompromisse nicht perfekt sind und für den ein oder anderen sicher Mehraufwand bedeuten, „aber die Verhandlungen jetzt noch weiter in die Länge zu ziehen ist schlicht nicht hinnehmbar und wäre eine Zumutung für alle betroffenen Unternehmen“, erklärt Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats gegenüber dem „Handelsblatt“.

Madaster – Wenn die Politik nicht in die Pötte kommt, müssen die Innovationen aus der Wirtschaft kommen

Während in der Politik diskutiert und abgewogen wird, gibt es immer wieder innovative Ideen aus der Wirtschaft, die sich dem Problem eigenständig annehmen. So haben beispielsweise Thomas Rau und Marijn Emanuel 2017 in den Niederlanden ein sozial geprägtes Kataster für die Kreislaufwirtschaft ins Leben gerufen. "Unser Planet ist ein geschlossenes System, der Rohstoffvorrat ist somit endlich, es kommt nichts mehr dazu”, erklärt Rau die Ambition hinter Madaster. Deswegen müssen Baumaterialien unendlich verfügbar gehalten werden. “Das können wir erreichen, indem wir Materialien eine dokumentierte Identität geben, denn Abfall ist Material ohne Identität."
Das soll erreicht werden, indem für Gebäude webbasierte Material-Ausweise angelegt werden. Dieser enthält Informationen über Qualität, Herkunft und Lage von Materialien und gibt Einblicke in den materiellen, zirkulären und finanziellen Rohstoff-Restwert eines Gebäudes. Diese Informationen helfen Bauherren, Architekten und Bauunternehmen bei der kreislaufgerechten Planung, Verwaltung und beim Bau. Zudem kann so der Wert von Baumaterial auch in die Gesamtbewertung eines Objektes mit einbezogen werden.
Madaster versteht sich als globales Kataster für Baumaterial, Infrastruktur und Gebäude, das nach eigenen Aussagen nach sozialer Wirkung strebt und gemeinnützige Ziele verfolgt. In den Niederlanden wurden bereits über 2.000 Gebäude registriert und auch in der Schweiz und Norwegen wird Madaster bereits betrieben. Sei Anfang März ist die Plattform nun auch in Deutschland verfügbar.

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Hannah Simons

Hannah Simons ist seit 2020 für die ibau GmbH tätig. Als Redakteurin recherchiert und verfasst sie Artikel für den News-Bereich und das Glossar. Dabei verfolgt sie das Ziel komplexe Inhalte einfach und gut verständlich aufzubereiten.